Fahrbericht McLaren MP4 12C Spider


Fahrbericht McLaren MP4 12C Spider: Der Vulkan aus Woking
Dieser Ausbruch kommt kontrolliert daher, gewollt, mit Ansage und überwältigender Wucht. Wenn Du jetzt die Augen ganz fest schließt, wird Dich seine Gewalt, seine Kraft und seine Stimme mitreißen. Halt´ Dich fest.

 

Foto: Ralf Bernert

Foto: Ralf Bernert

 

Nicht einsteigen, nicht hinsetzen, nicht anmachen. Hineingleiten, den Hintern ein paar Mal hin und her rutschen lassen. Nur ein paar Zentimeter. Dann den Finger kreisen lassen. Beim ersten Mal. Eine Premiere, den Vorhang zieht man bei der ersten Aufführung nicht einfach hoch. Man schaut kurz nach hinten, rechts und links. Das Publikum ist bereit, der erste Ausbruch, der erste Akt beginnt.

Alle wichtigen Sinne sind dabei. Augen, Ohren, Haut und Knochen. Der Sitz hält Dich ganz schön fest, der runde Knopf zwischen den anderen Knöpfen und Drehschaltern scheint zu vibrieren, als klopfe die Lava schon an die Tür. Als könne sie es kaum erwarten, endlich hinaus zu dürfen. Es ist kein nervöses, kein aggressives, kein vorlautes Vibrieren. Es ist keine ungezügelte Wucht, es ist nicht diese Maßlosigkeit schierer Kraft, die hier auf die Straße will. Hier steht kein Rowdy und auch kein Freak, den man monatelang an der Kette gehalten hat.

 

Foto: Corinna Keller

Foto: Corinna Keller

 

Hier wartet ein kultiviertes Naturschauspiel, mit beeindruckenden Kräften, hoch motiviert und bestens vorbereitet. Seine Trainer haben ihm beigebracht, wie man begeistert, wie man losrennt und ankommt. Und dazwischen sein Publikum und auch die beiden Menschen in der Loge, mitreißt und stets der Handlung folgen lässt. Die Natur und die Technik, die Physik, die Mechanik, die Akustik, der Asphalt als unglaublich lange Kontaktschleife, der Himmel darüber mit neugierigem Blick auf das, was da unten gleich ausbricht und sein Rechts und Links einfach stehen lässt. Kein Trommelwirbel.

Die Fingerkuppe hebt den Vorhang. Das Orchester sitzt im Graben hinter Dir und hebt die Stimme. Laut, sehr laut. Kurz nur aber ausreichend für die ganze Aufmerksamkeit. Wie Rauchwolken über dem Kegel, nur viel lauter, viel klarer. Der Vulkan arbeitet, kommt in die Gänge, lebt und brüllt. Wir sind aktiv, der Berg und ich.

Das D leuchtet, wie ein ganzer Satz. „Dann mal los!“ Vor einigen Monaten habe ich einen Ätna erlebt, in Norditalien. Mit Stiernacken und Hörnern. Er rannte los, als sei er auf der Flucht. Er hatte mich mitgerissen, damals war das ein Tanz auf und mit dem Vulkan. Heute tanze ich mit seinem dem britischen Kollegen. Oben auf dem Kegel, immer die beste Aussicht und mittendrin. Die Lava um mich herum, nicht zu heiß, aber immer in heftiger Bewegung.

Nach dem ersten Eindruck, dem ersten Whow, dem ersten Beifall folgt die innere Ruhe. Der Dialog mit der Maschine, seiner Konstruktion, seiner Idee und seiner Umsetzung. Der Vulkan spricht. Er führt mich und lässt sich gleichzeitig führen. Seine Mütter und Väter haben den Tanz lange studiert, seit Jahren immer wieder simuliert. Beide Hände greifen das runde, fast kleine Rad, dahinter werden Zahlen per Zeiger und auch per digitaler Technik auf die Leinwand geworfen. Kein Head-Up-Display, nur runde Kreise und Zeiger darin, die, wenn man will, tanzen wie Derwische und kurz darauf in aller Ruhe jede Höhe und jede Tiefe mit dem schönsten Takt einer weichen Melodie erklimmen und wieder verlassen. Der McLaren ist ein cooler Vulkan.

 

Foto: McLaren Automotive Ltd.

Foto: McLaren Automotive Ltd.

 

Nach zwei drei Takten, wenn sich das Publikum nach der ersten Szene wieder beruhigt hat, wenn der erste Lava-Strom sich sein Bett selbst gebrannt hat, dann holt der Gasfuß Luft, er kreist ein wenig über dem Pedal, als überlege er, wie es weitergehen soll. Er stürzt dann herab, beide Hände spielen das alte Spiel: drei Uhr – Neun Uhr und dann laufen die Minutenzeiger hin und her. Immer unter Strom, immer im Gleichklang mit der Technik unter der Carbonhülle, die derart fein, derart sensibel und derart klar arbeitet. Wie ein Uhrwerk nur wesentlich komplexer, vielschichtiger, verantwortungsvoller. Die Technik, mit all ihren Facetten, das Fahrwerk mit den Fühlern zu jedem einzelnen Rad, die bis in den innersten Kreis des Briten jede winzige Änderung, jede Chance auf Haftung und jeden Heber in Windeseile an sein Gehirn meldet. Dort werden Reaktionen erdacht und gleich umgesetzt. Wollte man als Mensch hier mitarbeiten, man wäre schon als Hilfskraft hoffnungslos überfordert.

In der Nacht, der McLaren in Vulcano Red spaziert durch den Hamburger Hafen und posiert glänzend vor Schiffen, Raffinerien und Backsteinen, werden Fragen gestellt. Ausweise, Führerscheine und Papiere werden kontrolliert. Eine Zivistreife ist neugierig, fragt nach und nimmt ein Beweisfoto. Für das private Archiv, alles in bester Ordnung. Der Brite darf seine Fahrt fortsetzen, die Beamten machen sich davon. Auf der Suche nach Autos, die ihren Eigentümer verloren haben. Der McLaren posiert, strahlt, rollt und atmet die Nacht ein. Kein Ausbruch, nur die Nachbarn, eine Stunde später werden vielleicht geweckt. Das lange Piep wenn der Supersportler zur Verschlußsache wird, kann ein Wecker sein.

Das Team im McLaren, in Woking von Formel-1-Spezialisten ausgebildet, arbeitet schnell und präzise. Da sind die Jungs im Braking-Steer-Team. Sie passen bei Kurven besonders gut auf. Sie bremsen das hintere kurveninnere Rad so sensibel und präzise ab, dass der Wagen noch sauberer, noch schneller und vor allem noch sicherer unterwegs ist. Und dann das ProActive Chassis Control-Team. Hier werden alle Räder einzeln und entsprechend der Karosserie-Neigung blitzschnell perfekt gedämpft. Im Getriebe werden die sieben Gänge derart weich und trotzdem sauschnell verwaltet. Der McLaren käme zwar dank seines hohen Dremomentes auch mit drei Gängen aus, aber das komplette 7-Gang-Menü lässt die Talente des Briten noch mehr, noch klarer an die Frischluft.

Nach vier Tagen ist der Ausbruch, der Auftritt vorbei. Der Brite rollt wieder zu seinem vorläufigen Zuhause. McLaren Hamburg direkt am Airport hat den Wagen in Empfang genommen. Bei den Mitarbeitern will ich mich für den tollen Support bedanken.

Eine Probefahrt lässt sich hier vereinbaren: www.hamburg.mclaren.com

 

 

Im Kontext:

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Fahrbericht: Ferrari FF

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Text: Ralf Bernert
Fotos: Ralf Bernert
Fotos Interieur: McLaren Automotive Ldt.

 

Die technischen Daten:
Motor: V8 Twin-Turbo
Leistung: 625 PS bei 7.500 U/min
Drehmoment: 600 Nm bei 3.000 bis 7.000 U/min
Antrieb: Hinterräder
Getriebe: 7-Gang Doppelkupplungsgetriebe mit Schaltwippen
Chassis: Kohlefaser-MonoCell mit Alu-Strukturen Front und Heck

Maße:
Länge: 4.509 mm
Breite: 2.093 mm
Höhe: 1.203 mm
Radstand: 2.670 mm
Leergewicht: 1.376 kg

Fahrleistungen:
TopSpeed: 330 km/h
0-100 km/h: 3,1 Sekunden
0-200 km/h: 9,0 Sekunden

Bremsen:
100 km/h bis 0 km/h: 30,7 m

Verbrauch kombiniert: 11,7 l/100 km
CO2 kombiniert: 279 g/km

 

 

 

 

 

 

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