Fahrbericht McLaren 720S

Fahrbericht McLaren 720S – Das Letzte zum Schluß. Wir sind nach Bristol geflogen und haben uns in den neuen 720S gesetzt. Im Dezember. Als Abschluss des Jahres. Und der Zweisitzer aus Woking hat uns ein wirklich grandioses Finale beschert.

Fahrbericht McLaren 720S – Foto: McLaren

720 PS, geschenkt. 770 Newtonmeter maximales Drehmoment, auch geschenkt. Beim jüngsten McLaren, wir nehmen den Senna mal aus der Wertung, spielen die Klassiker des Auto-Quartett nicht die überragende Rolle. Leistung und Drehmoment sind wichtig, aber eben nicht alles. Das Gesamtpaket macht den Unterschied, denn reichlich Kraft und Vortrieb können andere auch sehr gut. Was also passiert, wenn man die Scherentür nach oben zieht und den Kokon betritt?

Fahrbericht McLaren 720S – Erstmal nix

Irgendwie macht´s einem McLaren auch nicht leicht. Einfach mal aufschreiben, was der Wagen kann, passt irgendwie nicht. Bei den meisten anderen Sportwagen erzählt man über Quer- und Längsdynamik, über Bremskräfte, Kurvengedonner und Endrohr-Fanfaren. Nur bei den Sportlern aus Woking wollen die Finger über Kopf und Bauch schreiben. Über das Zusammenspiel von Lust und Verstand und über die Grenzen des Machbaren.

McLaren ist ja nun keine uralte Angelegenheit. Wenn man im ultra-modernen Heim in Woking durch die Halle schreitet, stehen da zwar reichlich viele Klassiker rum, aber die meisten sind halt Rennwagen aus dem Formel-Sport. Der einzige Veteran für die Strasse heisst F1 und das war´s dann schon. Was wollen wir damit sagen? McLaren ist kein alter Stall, man redet hier nicht von Tradition, von Kultur und gewachsenen Strukturen. Man redet eigentlich nur von Gegenwart und Zukunft. Keine Nieren, kein Hofmeisterknick, kein Sternchen und auch keine Silberfische. Nur McLaren. Und das ist eine feine Sache, wenn man die Zukunft derart ernst nimmt wie die Leute bei McLaren.

Fahrbericht McLaren 720S – Das Auge fährt mit

Nun sitzen wir im nagelneuen 720S, das Interieur ist offensichtlich nicht für den deutschen Markt gedacht, was erstens am rechts montierten Lenkrad erkennbar ist und zweitens an der Wahl der Innenausstattung. „Black and Cassis“, so die offizielle Bezeichnung passt beim besten Willen nicht zur typisch-teutonischen Haltung, die so gerne schwarz sieht und das überall. Wir sehen eine Farbkombi, die edel, elegant und anders ist. Auch das ist McLaren. Schließlich fährt das Auge mit.

Das Thema Luftführung ist wichtig. Auch wegen der Ästhetik. Zu viele Kanäle, zu viele Löcher und der Supersportler sieht aus wie ein Käse der Eidgenossen und das will niemand sehen. Zum Glück haben die Briten einen Weg gefunden, wie man für reichlich Up- und Downforce sorgt und trotzdem die Karosserie wie aus einem Guss wirken läßt. Das Monocoque aus Carbon, also die Zelle in der die Insassen sitzen, ist im Vergleich zu dem des Vorgänger noch steifer, noch sicherer und trägt erheblich zu exzellenten Balance des 720S bei.

Fahrbericht McLaren 720S – Foto: Ralf Bernert

Schneller, sicherer, effizienter, moderner. Die Kette an Schlagworten, die man im Zusammenhang mit Erwartungen bildet, ist eine Tradition. Niemand will den Nachfolger eines Sportwagens kaufen, der langsamer, gefährlicher, ineffizienter und weniger modern im Vergleich zum Vorgänger ist. Wir müssen also überprüfen, ob der 720S der bessere 650S ist. Leider können wir das nicht überprüfen. Nicht hier, nicht jetzt. Wir haben eine Stunde Zeit, eine Landstrasse, ein paar Ortsdurchfahrten. Tempolimit und aufmerksame Kameras.

Fahrbericht McLaren 650S auf der Top Gear Strecke

Wir können uns hineinsetzen, das Klappdisplay ausprobieren und feststellen, dass es: erstens modern , zweitens extravagant und drittens im „Slim-Modus“ alle wichtigen Infos sauber anzeigt und man einfach mehr Sicht hat, was vor allem auf der Rennstrecke ein echter Vorteil ist. Es ist ein Gadget, ein cooles Gadget. Im „Full-Display-Modus“ kann man den klassischen Info-Regen über sich ergehen lassen. Also, Fahrzeugdaten, Fahrmodus, Tempo, Drehzahl, Gang, Wasser, Öl, Reifendruck und so weiter. Die Türen sind nun sehr tief ins Dach hinein gezogen, man steigt besser ein und aus, auch wenn der breite Schweller noch immer ein wenig im Weg ist. Man kann sich schnell daran gewöhnen. Aber es ist auf alle Fälle eine Verbesserung.

Fahrbericht McLaren 720S – Foto: Ralf Bernert

Der Monitor in der Mitte ist noch immer die wichtigste Informationsquelle, wenn es um Navi, Entertainment oder Kommunikation geht. Das System arbeitete sehr schnell, sehr präzise und ist vor allem sehr gut bedienbar. Am Lenkrad bleibt sich McLaren treu. Keine Knöpfe, Schalter oder Drehrädchen. Nichts. Nur lenken. Rund um den Mittelmonitor sitzen die Drehknöpfe zur Regulierung der Klimaanlage und zu den Einstellung von Motor- und Fahrwerkseinstellungen. Im Grunde alles wie gehabt, Neulinge im 720S werden sich orientieren müssen, Kenner sind Zuhause.

Es ist trocken, nicht zu kalt. Englands Süden hat ein Einsehen mit uns und wir chauffieren den Zweisitzer in den Nachmittags-Verkehr ausserhalb von Bristol. Schmale Strassen, Hecken, die vorwitzig ihre Fühler in Richtung Fahrbahn recken, ein paar Trucks wollen besonders nah an uns vorbei fahren, einige Trucker grinsen plus Daumen hoch. McLaren geniesst überall auf der Welt einen sehr guten Ruf. Vielleicht auch deshalb, weil man die Sportler aus Woking sofort an ihrem Trikot erkennt.

Fahrbericht McLaren 720S – Bis ans Limit

Der Fahrer soll sein eigenes Limit erfahren. Sagt man. Für die meisten Fahrer wäre ein 720S dann der absolut falsche Wagen. Lange, sehr lange bevor der Wagen sein Limit erkennen läßt, verläßt die Kompetenz des Durchschnittsfahrers fluchtartig den Wagen. Früher war diese Flucht oft genug Ursache eines Unfalles. Seit ein paar Jahren hat die Technik in Fahrzeugen wie dem McLaren 720S einen gewaltigen Sprung vollzogen. Sie ist Schutzengel und Schulterklopfer, Pulsbeschleuniger und Kreissaal für Helden.

Nach einer Runde im 720S steigst du aus und fragst nach der Zeit. Lässig, wie selbstverständlich. Weil du schnell warst. Sehr schnell. Aus dem F1 wärst du naß wie ein Frosch ausgestiegen, die Hosen voll bis zum Rand und die Rundenzeit wäre dir so wichtig, wie die nächste Aufforderung zur Abgabe der Einkommensteuererklärung.

Wir fahren keine Runde. Nur eine Strecke von A nach B. Im Komfort-Modus. Der Zweisitzer ist keine Sänfte, er meldet den Zustand der Strasse sauber und zuverlässig. Er hat die besten Sitze, ein wunderbares Lenkrad und man sieht sehr gut hinaus. Drückt man auf R, hilft der Monitor beim Rangieren. Und wenn vorn ein PKW die Sicht versperrt, springt der Brite derart schnell vorbei, dass man das Staunen in den Augen der Insassen im Rückspiegel deutlich sehen kann. Als wäre man durch den Wagen hindurch gefahren. Er rennt in Kurven hinein, wie ein aufgeregter Junge der seinem Fußball hinterher läuft und wenn dir ein kleiner Junge auf der Jagd nach seinen Ball vor die Nase läuft, dann bremst der 720S so sauber und schnell ab, als hätte er Krallen an den Reifen, die er blitzschnell ausfahren kann.

A pro pos Reifen. Pirelli hat mitgespielt. Die Entwickler haben sich den Wagen genau angeschaut und einen Reifen speziell für den 720S entwickelt. Der P Zero Corsa sind maßgeblich für die Traktion des McLaren verantwortlich. Man merkt das immer dann, wenn der Wagen in den Dunstkreis seiner Grenzen fährt und man merkt das auch, wenn der McLaren in aller Ruhe durch ein Dorf gondelt. Laufruhe. Und wenn´s wieder losgeht, ist die Verbindung zwischen Strassenbelag und Auto so standhaft wie die Ehe zwischen Erde und Mond.

Ein Fazit? Klar. Ein kurzes, weil wir den 720S nur kurz bewegt haben. Über die Leistungsdaten muß man nicht lange reden. Der 720S wird sie erreichen. Der Wagen fährt sich auf der normalen Strasse wie ein Pfadfinder. Einfach, sauber, ruhig. Wohl erzogen. Als hätte man ihn in einem englischen Spitzen-Internat Manieren beigebracht. Wir können bestätigen, dass der neue McLaren Grenzen kennt, die man als normaler Fahrer nur in seinen Träumen erreichen kann. Aber es macht Spaß genau über diese Grenzen nachzudenken. Vor allem dann, wenn man Zeit, Lust und eine Rennstrecke zur Verfügung hat. Wir werden den 720S noch einmal fahren, dann ausführlich und wir werden unsere Erlebnisse aufschreiben. Plus Video.

Fotos: McLaren und Ralf Bernert

Die technischen Daten (laut Hersteller):

McLaren 720 S

Motor: V8 Twin Scroll Turbolader
Hubraum: 4.000 ccm
Leistung: 537 kW / 720 PS bei 7.250 U/min
Drehmoment: 770 Nm bei 5.500 U/min

Antrieb: Hinterrad
Getriebe: 7-Gang-DKG

Maße:
Länge: 4.543 mm
Breite mit eingeklapptem Spiegel: 2.058 mm
Breite mit ausgeklapptem Spiegel: 2.161 mm
Höhe: 1.196 mm
Höhe mit geöffneter Tür: 1.953
Radstand: 2.670 mm
Bodenfreiheit: 107 mm
Gepäckfach vorn: 150 Liter
Gepäckfach hinten: 210 Liter
Tank: 63 Liter
Leergewicht: 1.419 kg
Trockengewicht: 1.283 kg

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 2,9 Sekunden
0-200 km/h: 7,8 Sekunden
0-400 m: 10,3 Sekunden

Bremsweg:
100 – 0 km/h: 29,7 Meter
200 bis 0 km/h: 122 Meter

Top Speed: 341 km/h

Verbrauch:
kombiniert: 10,7 l/100 km
Co2: 249 g/km

Preis in Deutschland ab: 247.350,00 Euro

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