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Fahrbericht McLaren 570S – Spagat mit Heckantrieb

Fahrbericht McLaren 570S – Spagat mit Heckantrieb

Fahrbericht McLaren 570S – Spagat mit Heckantrieb
Fahrbericht McLaren 570S – Spagat mit Heckantrieb

Mantis Green, so heisst die Farbe, die unseren McLaren 570S so richtig aufblühen lässt. Von Woking nach Folkstone, dort in einen Container auf Schienen, in Calais wieder auf Asphalt und weiter bis nach Hamburg. Eine interessante Tour mit einem beachtlichen Sportwagen.

Kurz nach der Werksausfahrt in Woking nahe London wird man sanft ausgebremst. Ein Stau. Man sitzt also hinter dem nackten Steuer. Bei McLaren verzichtet man auf Knöpfe, Schalter und Regler am Volant. Der Monitor in der Mittelkonsole ist das Info-Universum, plus dem kleinen Bildschirm hinter dem Lenkrad. Mehr braucht man nicht. Fahrzeugeinstellungen, Klima, Online, sogar ein Browser steht zur Verfügung, Navi, Telefon, Radio plus Musik aus dem Smartphone. Der 570S ist connected und er meldet: Regen plus Stau. Besser kann man 570 PS in einem Zweisitzer nicht beglücken.

Folkstone rückt näher, die Stadt im Süden Englands, einst ein bahnbrechender Ort, weil fleissige Hände plus eine gigantische Bohrmaschine ein langes Loch in die Erde unter der Nordsee gebohrt haben. Bis hinüber nach Frankreich, was aber nicht geklappt hat, die Franzosen hatten den gleichen Plan und bohrten munter drauf los. Irgendwo unter dem Wasser trafen sich beide und man gab sich die Hand. Seitdem rennen die Züge von Frankreich nach England und wieder zurück.

In 25 Minuten ist die wilde Fahrt vorbei und man atmet andere Luft. Wir, also der McLaren plus Besatzung, nehmen einen kräftigen Zug und sagen „Bon jour France“, der Brite schnuppert an der rechten Fahrspur und läuft los. Tempolimit 120 km/h, also Schritttempo und an der kurzen Leine. Uns gefällt das nicht und der 570S macht das, was er besonders gut kann. Er schaut sich die Gegend an, wohl wissend, dass bald die Autobahn kommt und er seine Karriere als Supersportler fortsetzen kann.

Fahrbericht McLaren 570S – Die Farbe ist das Thema

Calais – Brügge – Gent – Antwerpen – Eindhoven und endlich die Grenze. Man erinnert sich an eine Folge aus Top Gear. Mr. Clarkson in einem potenten Wagen mitten in der Nacht. Kreuz und quer durch den Westen Europas. Hundemüde, Tempo 120, Raststätten-Tour, immer wieder Gespräche mit LKW-Besatzungen bei einem Becher Kaffee. Die Farbe ist das Thema. Mantis Green. Wieso ausgerechnet diese Farbe?

Das Vokabular der Trucker: cool, geil, spectaculaire, lubrique, monstre, insane oder auch horny. So lernt man eine Sprache. Einfach einen außergewöhnlichen Wagen an eine Tankstelle parken und die Kommentare abwarten. Strassen-Begeisterung. Und sonst: Verbrauch auf der Autobahn bei Tempo 120? Runde 10 Liter.

Fahrbericht McLaren 570S – Spagat mit Heckantrieb
Fahrbericht McLaren 570S – Spagat mit Heckantrieb

Endlich die A1, endlich mehr Leben in der Bude. Vorher hat die wirklich gute Soundanlage für Laune gesorgt, man hat sich über die Laufruhe der Pirellis gefreut. Und nun wollen wir die Top-Speed-Qualität erleben. Also morgens um fünf, drei Spuren. Ganz rechts ein paar Trucks, einer davon durfte was filmen. Mit dem McLaren auf die rechte Spur, direkt vor den Truck. Tempo 85, runter mit den Gängen und runter mit dem Gasfuß. Der Brite stürzt sich in die aufgehende Sonne und der Truckfahrer hat einen Heidenspaß. Das Video dürfte seinen Youtube-Kanal beleben.

Dortmund – Hamburg. Der Brite verwandelt sich. Wie auch immer die Briten das gemacht haben, der McLaren sieht das berühmte Schild. „No Limits“ und er spricht mit dem Fahrer. „Dreh die beiden Knöpfe auf Sport+, zieh den Gurt straffer, schalte das Hirn auf volle Konzentration, halte das Lenkrad auf Position 3 und 9 fest, bleib locker und stell keine Fragen. Ich mach das schon. Ach ja, ich steh auf ACDC. Viel Spaß.“

Kurz auf Apple CarPlay nach Thunderstorm gesucht, gefunden, laut gestellt und ab. Allein auf weiter Flur. Die paar LKW fliegen rechts vorbei, die Landschaft wird zur surrealen Malerei, die drei Fahrstreifen rücken zusammen, ein paar Kurven, meist ein wenig geneigt, bringen Abwechslung. Ansonsten fällt nur eins auf: Du rückst näher an McLaren und er rückt näher zu Dir.

Der Motor ist weit mehr als nur der Leistungslieferant. Er ist Herz und Seele. Stur, lässig und ehrgeizig treibt er den Wagen nach vorn. Die 300 werden zur Zahl, die man nur am Rande spürt. Der Wagen frisst Asphalt, aber nicht gierig sondern lüstern. Marco Ferreri´s grosses Fressen als Vorlage. Bis zum Exzess, zur Ekstase, zur Grenze jeder Form des Drangs nach vorn. Allein, mit den Kräften der Natur. Und dann ist es vorbei. Ganz plötzlich, erwartet aber doch plötzlich.

Fahrbericht McLaren 570S – Dann kommen die Jungs von der GSG9

Der linke Fuß schwebt die ganze Zeit über dem Pedal, der Landeklappe, dem Wecker, der Dich aus dem Traum reisst. Dieses Schild auf beiden Seiten der Bahn. 120, rot umrandet und grinsend. „Denk´ nicht mal dran.“ Ab hier reisst die Erinnerung ab. Bis der Heiligenschein wieder auftaucht und Dir erklärt, dass du wieder den anderen Rausch erleben darfst. Beschleunigung.

Extrem, in den Sitz drückend und belebend wie der Sprung in den Pool mit kühlem Wasser nach einer durchzechten Nacht. Der V8 ruft den Turbo zum Dienst und der greift ein wie die Jungs von der GSG9. Und die kommen mit der ganz grossen Puste, lassen Luft mit Highspeed in die Brennkammern laufen, nein, nicht laufen, rasen.

Das Pfeifen bleibt im Verborgenen, der Motor himself ist lauter, härter, mechanischer. Er schreit, aber nicht wie ein hysterisches Stück Mensch. Eher wie ein Riese auf dem Berg, der seine Gefolgsleute ruft, zum Angriff gegen die Schwerkraft. Und er gewinnt. Wie der McLaren. Siegestrunken und voll konzentriert. Das nächste 120er-Schild wird kommen und mit ihm der Heiligenschein. Oh du Wonne der Kraft. Heimsuchung im Sog der Emotionalität.

Irgendwann ist Pause, Ruhe und eine andere Welt. Landstraßenwelt. Eine Spur pro Richtung, reichlich Kurven, lange, kurze, enge, offene, blinde und fast eckige. Irgendwo bei Lüneburg, der Wagen streitet mit einer mit Raps blühenden Wiese ob nun Mantis Green ein feiner Kontrast oder doch ein guter Hintergrund sein soll. Egal wie, es sieht nach Natur aus. Nach der Lust auf Ruhe und Erholung.

Dämmern in der Sonne, nicht wecken. Eher Fotos machen und ein paar Details erkennen. Sichtkarbon, Bremsstaub an den Tellern, die Pirellis nach dem Kampf. Später werden sie gefordert, an die Grenzen gebracht. In Kurven hineinstürzen, den Kontakt mit dem Asphalt niemals aufgebend. Beim Herausbeschleunigen hinten ein wenig loslassen bis die Elektronik mit ihren Sensoren den Abstand wieder herstellt und den Briten auf Spur hält. Raus – rein – vice versa.

Nach zwei Tagen, auch in der Stadt, denkt man über den Alltag mit dem 570S nach. Geht das. Alltag in einem McLaren. Klar, es geht. Ein- und Aussteigen ist einfach. Platz für die Kleinigkeiten ist immer. Parken mit dem Lift kein Problem. An der Ampel stehen und die Daumen zählen, auch schön. Und immer wieder Fragen beantworten. Nach PS, Top Speed, Preis, Farbe und „wie fühlt sich das an?“. Es fühlt sich an wie Du es Dir in der Phantasie vorstellst. Du schliesst die Augen, liest noch mal die Bestätigung über den Lottogewinn, schaust auf den Kontoauszug und fährst zum Händler. Zulassung und Versicherung hat er schon erledigt und dann stellst Du den Sitz ein und fährst einfach geradeaus. Vielleicht nach Calais und wieder zurück.

Text: Ralf Bernert
Fotos: Ralf Bernert
Video: Jürgen Stephan Youtube-Kanal

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Technische Daten (laut Hersteller):
Motor: V8 BiTurbo
Hubraum: 3.799 ccm
Leistung: 419 kW / 570 PS bei 7.500 U/min
Drehmoment: 600 Nm bei 5.000 bis 6.500 U/min
Antrieb: Hinterräder
Getriebe: 7-Gang Doppelkupplung

Maße:
Länge: 4.530 mm
Breite (mit Spiegel): 2.093 mm
Höhe: 1.200 mm
Leergewicht: 1.440 kg
Radstand: 2.670 mm

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 3,2 Sekunden
0-200 km/h: 9,5 Sekunden
Top Speed: 328 km/h

Verbrauch:
kombiniert: 10,7 l/100 km
CO2: 249 g/km

Preis in Deutschland ab: 181.750,00 Euro

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