driven by exception

Fahrbericht Golf GTI: Kein Luxus – eher ein Ärgernis

Fahrbericht Golf GTI: Kein Luxus – eher ein Ärgernis

Golf GTI Clubsport S - Foto: Volkswagen
Golf GTI Clubsport S – Foto: Volkswagen

Genervt hat der GTI. Ganz am Anfang, man fuhr im Scirocco TS mit 85 PS durch die Gegend. Man war 18 und schnell unterwegs. Und dann im Rückspiegel, ein Golf. Weiß, mit diesem feinen roten Rand um die Kühlermaske und links neben dem linken Scheinwerfer drei Buchstaben.

Golf GTI I - Golf GTI VII - Foto: Volkswagen
Golf GTI I – Golf GTI VII – Foto: Volkswagen

GTI. Das war´s. Durch die Frontscheibe schimmert ein Gesicht. Junger Kerl, Grinsen, der Zeigefinger der linken Hand zuckt schon, gleich geht’s los. Gemeinsam mit dem rechten Fuß folgt die Schmach. Der Golf zieht raus, rennt vorbei und entfernt sich. Das Grinsen bleibt im Gedächtnis. Golf gegen Scirocco, eine Beziehung der späten 70er. Man ging sich gegenseitig auf die Nerven. Da waren noch die Mantas, die Kadetts. Mit GT/E im Namen. Die waren auch fix unterwegs. Aber der Golf GTI war die Ober-Nummer. Spießig und langweilig im Design. Für Papa und Mama, für Frauen und Männer. Genial. Passt immer. Wie schwarze Schuhe oder dunkel-graue Jackets.

Fahrbericht Golf GTI: Der Held auf dem Weg zur Disco

Der Weg zur Dorfdisco, Samstags, 21.00 Uhr. Westerwald, Hunsrück oder Eifel. Egal, Hauptsache kurvige Straßen, die private Rennstrecke ohne Absperrung. Tagsüber hatte man am Auto geschraubt. Am Vergaser gespielt, Federn und Klappen abgeschraubt und irgendwie verändert. Die Leerlaufdrehzahl verändert, Pirellis montiert, den Außenspiegel von Zender anschrauben, irgendwann auch mal ein Additiv in den Tank gekippt. 185 war zu wenig. Verbrauch egal. Hauptsache die GTIs waren nicht so deutlich überlegen. Es half nichts, die Dinger waren eine Plage.

Foto: Volkswagen
Foto: Volkswagen

Und jetzt? Mit 53 sitzt man in einem Pirelli GTI, Baujahr 1983, 1,8 Liter Hubraum, 112 PS. Der Schaltknauf als großer Golfball. Die Kupplung gut in Schuss. Dieser GTI kommt aus Wolfsburg, dem Museum von Volkswagen. München Flughafen. In einem Parkhaus wird der Schlüssel übergeben. Der Außenspiegel will nicht so recht, er hängt. Asphalt-Spiegel. Der Motor ist sofort da, die elektronische Einspritzanlage ist gut eingestellt. Damals war das ein Grund den GTI nicht zu kaufen. „Wenn die mal verstellt ist, hilft nur die Werkstatt.“ Sagte man damals. Und bloß´ keinen gebrauchten GTI kaufen. Sitzen nur Heizer drin. Sagte man. Die Landstraßen in der Eifel bei Altenkirchen oder sonst wo können das bestätigen.

Aus dem Parkaus Richtung Autobahn. Nach Österreich, zum Wörthersee. GTI-Treffen. Die werden sich freuen, ein Original aus Wolfsburg. Der Pirelli-GTI. Die Felgen verraten ihn. Eberhard Schulz hat sie erfunden. Später hat er ganze Autos erfunden, sie zum Beispiel Isdera Commendatore genannt. Der GTI Pirelli geht gut, für sein Alter. 140, mehr will man nicht. Hochdrehen ist Pflicht, die schmalen Reifen, 185er. Das Fahrwerk, nix mit Elektronik. Ruck zuck ist der Wagen raus dem Rhythmus, dem schmalen Sicherheitsstreifen der 80er Jahre. Damals hat man noch keine Kreuze für verunfallte Autofahrer an Landstraßen-Bäume gestellt. Man wußte nur, dass die Landstraße ein Spielplatz für Hormon-Gesteuerte Jungs ist.

Fahrbericht Golf GTI: Ein Träumchen

Der GTI hat die Jagd nach Bestzeiten auf ein neues Level gehoben. Die Ballkönigin haben die GTI-Jungs nicht immer gekriegt, aber sie waren oft nah dran. Näher als die TS-Fahrer. 85 gegen 110 oder 112 PS. Wer will da noch zweifeln. Das Spiel war immer gleich. Hackordnung. Ganz oben, die Exoten. Lambo, Ferrari mit dem langen Selleck an Bord, der Porsche war Luxus für Reiche, von Ford kam der Capri für ältere Jungs, Mercedes war uralt, BMW mit dem Dreier ein Traum. Der GTI war das Träumchen. Erreichbar, bezahlbar, jeden Tag, jeden Moment einsetzbar. Der Weg zur Arbeit, zur Berufsschule ein Spaß. Dämpfer von Koni, Schweller-Verbreiterung von Kamei, Spoiler von Zender. Zu lustig, der GTI mit breiten Schlappen und einem Lenkrad in der Größe eines Bierdeckels beim Einparken. Ohne Servo eine echte Kraftübung. Tiefer gab´s auch, aber Original war immer besser. Cool. Heute kostet ein guter GTI I gute 15.000 Euro. Wenn man einen findet. Die meisten wurden verbastelt, verunfallt und geschrottet.

Foto: Volkswagen
Foto: Volkswagen

Und jetzt? VW hat den Clubsport S auf die Nordschleife geschickt. 7:49.21. Ansage, Aussage, klare Sache. Der GTI ist kein Exot mehr, eine Marke im Markt. Andere haben den Zug eingeholt, 300 und mehr PS sind Standard. Doppelkupplungsgetriebe, Apps, Multikollisionsbremse, Reifendruckkontrolle, Spurhalteassistent, Abstandsregeltempomat, Fernlichtautomatik. Der aktuelle GTI rennt dank 220 PS mit knapp 250 km/h über die Bahn. Er wiegt gute 1.300 Kilo, der UR-GTI war mit 810 Kilo unterwegs. Komfortabler, stärker, leiser, länger, breiter, teurer. 28.350,00 Euro, mindestens. Der GTI I war ab 13.850,00 DM zu haben. Plus Anbauten und Gedöns im Innenraum, Felgen und immer wieder die kleinen Rennen für´s Ego und die hat man in den meisten Fällen gewonnen. Der GTI war damals wirklich schnell unterwegs. Der neue, aktuelle GTI ist auch fix, aber er steckt nicht so an. Er ist mehr der Souverän, der gediegene, fast langweilig, wenn man ihn sieht. Auf der Autobahn kommt man gut auf der Überholspur zurecht, er läuft ruhig und kraftvoll dahin, auf der Landstraße kann man ihn schon mal fliegen lassen, aber will man das? Nicht wirklich. Pubertäre Anfälle kommen kaum noch vor, vermutlich, weil die Kundschaft älter ist als damals. Auf dem Wörthersee-Treffen sieht man vorwiegend junge Menschen in den abgedrehtesten Varianten. Cool, kreativ oder einfach nur verkrampft tief. Aggro geht zwar immer noch, aber der Trend geht zur Kunst. Der GTI als Objekt, als Ergebnis eines Happenings. Luxus ist das nicht, obwohl der ein oder andere Kunst-GTI die 50.000er Marke locker knacken kann.

Foto: Volkswagen
Foto: Volkswagen

Der Vergleich zwischen GTI I und VII ist interessant, eine Zeitreise und eine Erkenntnis daraus. Früher war der GTI ein Ärgernis, aber nur für die Jungs mit LS oder TS am Heck. Für die GTI-Fahrer war der GTI eine Lust. Heute ist der GTI ein schneller Kompakter mit reichlich Historie im Gepäck. „Weisst Du noch“-Sprüche funktionieren bei ihm sehr gut. Was nicht mehr funktioniert, ist die Schrauberei, die einem damals jede Menge Geld gespart hat. Wasserpumpe wechseln, Lichtmaschine raus, ab zum Schrottplatz, jeder VW mit der 1.600er Maschine war ein Ersatzteillager. Schrauben war einfach, der Motor kein Geheimnis. Heute sieht das anders aus.

Text: Ralf Bernert
Fotos: Volkswagen/Ralf Bernert

Technische Daten (laut Hersteller):

Golf GTI I Pirelli:
Motor: 4-Zylinder
Hubraum: 1.800 ccm
Leistung: 112 PS
Getriebe: 5-Gang Handschalter
Antrieb: Vorderräder
Felgen: Pirelli
Reifen: 185/60 14 Zoll
Leergewicht: ca. 810 kg

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 9,0 Sekunden
Top Speed: 190 km/h
Baujahr: 1983

Golf GTI VII:
Motor: 4-Zylinder / 16 Ventile
Hubraum: 1.984 ccm
Leistung: 162 kW / 220 PS bei 4.500 bis 6.200 U/min
Drehmoment: 350 Nm bei 1.500 bis 4.400 U/min
Getriebe: 6-Gang Handschalter / 6-Gang DSG
Antrieb: Vorderräder
Leergewicht: 1.351 bis

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 6,5 Sekunden
Top Speed: 246 km/h

Kommentar verfassen

kürzlich bei

hier entlang Wichtig
%d Bloggern gefällt das: