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Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso: Der Tuttofare-Ferrari

Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso: Der Tuttofare-Ferrari

Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso - Foto: Lennen Descamps
Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso – Foto: Lennen Descamps

Der Schnee steht bereit, angerichtet auf einem wirklich großen See. Unter dem hauchdünn geschnittenen Weiß liegt eine ein Meter dicke Eisschicht. Glatt, kalt und regungslos. Das ist die Bühne.

Der FF war auch schon ein wirklich sehr, sehr guter Ferrari. Mit der Kraft des V12 hinter der Kühlermaske. Er schob und schob nach vorn. Eine Pracht, dieser Italiener. Vier Sitze unter dem roten Dach, ein wenig mehr Raum für Gepäck, deutlich mehr Alltag und sehr viel mehr Libito am Gaspedal. Wie gesagt, ein wirklich sehr, sehr guter Ferrari.

Fahrbericht Ferrari FF

Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso - Foto: Lennen Descamps
Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso – Foto: Lennen Descamps

Die Idee des FF, Allradantrieb als Viagra für die Wintertage und gleichzeitig das tranquillante für den sauberen und eleganten Abgang vor dem verschneiten Hoteleingang. In Gstaad, in St. Moritz oder in Cortina d’Ampezzo. Man steigt ein, das Gepäck ruht im hinteren Abteil und, kaum ist der V12 erwacht, legt der GTC4Lusso los, nach vorn, in aller Ruhe und derart kultiviert, dass dem Doorman die Mütze nach hinten rutscht, weil er sich gerade von diesem Klischee des rasenden und aus der Kontrolle geratenen Ferraristi verabschiedet hat. Es geht halt auch besser, kontrollierter und vor allem sauberer.

Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso – Reichlich Historie im Gepäck

Wir blicken zurück. Die Mitte der Achtziger. Ein Röhrl semmelt per Allrad-Antrieb durch die Schneisen diverser Rallye-Sonderprüfungen. Andere machen es ihm nach. Man meint, dass alle Räder ein Wörtchen mitreden sollen. Der Porsche 959 bringt das Thema Allrad-Supersportler ganz groß raus. Bei Ferrari schaut man nicht gerne zu, man denkt nach und bittet Mauro Forghieri um Rat. Der hat gerade miterlebt, wie das Thema Allrad bei der Formel-1 beerdigt wurde und der präsentiert nach einigen Monaten den 408 4RM. Zwei Prototypen werden gebaut, sie sind nicht gerade hübsch anzusehen, aber sie liefern die Antriebskraft auf alle vier Räder. Man Rechnet bei Ferrari nach und unter dem Strich steht ein Minus. Zu teuer, zu anfällig, abgelehnt. Es bleibt bei zwei Exemplaren und der Bezeichnung 4RM. Und die kennen wir aus dem FF.

Der FF war mit dem Antrieb 4RM ausgestattet, der GTC4Lusso ist es ebenfalls. Technisch besteht zwischen dem Antrieb der 80er und dem modernen System keine Ähnlichkeit. Für den neuen Hinterrad-Antrieb haben sich die Entwickler in Maranello Hilfe von GETRAG aus Deutschland eingeladen. Das Prinzip des permanenten Allrad-Antriebes mochte man bei Ferrari nicht einbauen. Zu schwer, zu anfällig und für einen Ferrari nicht wirklich zielführend. Das für den Vorderrad-Antrieb zuständige Getriebe wurde von Ferrari selbst entwicklet. Die unteren Gänge werden per Allrad betrieben, dann führt der V12 seine Kräfte komplett nach hinten. Das macht den Italiener flexibler, beim Anfahren auf Eis und Schnee wesentlich geschmeidiger und auf Asphalt und hohem Tempo wieder zum astreinen Ferrari.

Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso - Foto: Lennen Descamps
Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso – Foto: Lennen Descamps

Neu ist die Hinterrad-Lenkung, die man in Kurven und bei engen Parkplätzen schätzen lernt. Sie verringert den Radstand und sie erlaubt schnellere und saubere Kurvenfahrten, was in einem Ferrari immer von Vorteil ist. Auch wenn der GTC4Lusso mit seinen 690 PS weit mehr Supersportler denn GT mit Shooting Brake Karosserie ist und die vier Sitze plus echtem Gepäckraum nach Familien-Urlaub duften, er kann weit mehr als man gemeinhin vermutet.

Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso – Der mit den Erlkönigen tanzt

Lappland, genauer die schwedische Seite, Ganz weit oben, der Polarkreis ist in Rufweite, Polar-Lichter wohnen hier, Elche, Schlittenhunde, Skidoos. Und natürlich Erlkönige, die hier oben immer für ein paar Monate das Land beherrschen. Man fühlt die Minusgrade auch durch durch dicke Socken, Mützen, die man über die Ohren ziehen kann, sind sinnvoll und Schuhe mit Profil, weil man aus dem sicheren Ferrari steigt und sich gleich auf den Hintern setzt, denn der Mensch hat keine Traktionskontrolle, keinen Antrieb auf allen Vieren, sondern nur zwei Arme mit denen er wild in der Gegend herum rudern kann, als wolle er abheben.

Hier oben also haben fleissige Menschen auf einem erfrorenen See ein paar sehr große Ovale in den dünnen Schnee gefräst und daneben noch ein paar Rennstrecken nachgebaut. Also Silverstone, Magny Cours und so weiter. Ein kleiner Handlingkurs ist auch dabei. Also alles, was das Herz des Sportwagen-Fans beglückt. Es ist bitter kalt, eine kleine Holzhütte mit Heizung und HotSpot wird zur Oase und dann sind da noch die Ferraris plus Chef-Tester, plus Instruktoren, plus reichlich Lust auf Speed, Drift und Schnee, der im Rückspiegel durch die Luft geworfen wird.

Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso - Foto: Lennen Descamps
Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso – Foto: Lennen Descamps

Raffaele De Simone ist dabei. Er ist der Testfahrer bei Ferrari, die Betonung liegt auf der. Raffaele dreht ein paar Runden, fast Lapp, also mit dem Schalter auf „Sport“ und dem Blick durch das Seitenfenster. Der Ferrari spielt sauber mit, er läßt sich vom Profi sauber führen, Zentimeter-Arbeit. Dann sind wir an der Reihe. Erst ins Oval, im „Snow“-Modus, den es erstmals in einem Ferrari gibt. Auf dem Beifahrersitz ein Instruktor, der im Rallye-Sport eine Rolle spielt.

Die Bahn ist frei, der Ferrari will und kann und den Fahrer treibt die Lust. Die ersten beiden Runden sind Aufwärmübungen. Leichtes Gas, vor der Kurve sanft anbremsen, Fuß vom Gas, Scheitelpunkt, Gas geben. Alles im zweiten Gang. Langsam, vorsichtige, abtasten. Dritte Runde. Mehr Gas, mehr Drehzahl und dann zeigt der Ferrari seine Talente. Zu viel Gas, zu viel Bremse, zu viel Lenkeinschlag. Der GTC4Lusso bleibt in der Spur. Noch mehr Gas, noch mehr Bremse, egal wie, egal wieviel, der Viersitzer aus Maranello bleibt so gelassen wie ein perfekter Pokerspieler. Er ignoriert jede Regung des Fahrers, er bleibt in der Spur, läuft wie ein perfekt ausgebildetes Rennpferd die Bahn entlang und zurück bleibt ein staunender Fahrer. Nach sechs, sieben Runden steigt man aus und fragt sich, was da gerade passiert ist. Regelsysteme und deren Arbeit sind kein Zauberwerk, Traktionskontrollen in Sportwagen sind Normalität, aber das hier ist erstaunlich.

Der Ferrari steht auf Pirellis, Sottozero 3, die Schnee- und Eis-Spezialisten für Supersportler. Ohne Spikes. Bisher haben wir die Erfahrung gemacht, dass elektronische Eingriffe auf Eis und Schnee in aller Regel den totalen Stillstand zur Folge haben. Das System regelt den Vortrieb komplett ab, der Gasfuß kann noch so sehr in Richtung Bodenblech gedrückt werden, ohne Grip geht dann nichts mehr. Genau hier überrascht der Allrad-Ferrari. Es geht immer weiter. Die Leistung wird zwar reduziert, das Heck bleibt hinten, aber der Wagen läuft weiter. Sauber, kontrolliert. Selbst bei absichtlichen Fehlern ist der Italiener nicht aus der Fassung zu bringen. Er folgt der Lenkung, er bremst sauber ab, er beschleunigt, er wedelt im schlimmsten Fall leicht mit dem Heck um sich gleich wieder einzufangen. Und wo bleibt der Spaß?

Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso - Foto: Lennen Descamps
Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso – Foto: Lennen Descamps

Der Spaß kommt mit der Gewissheit, dass dieser 690-PS-Ferrari, egal auf welchem Untergrund, souverän unterwegs ist. Er ist dank des neuen „Snow“-Modus so winterfest wie ein Eisbär und wer unbedingt mit wedelndem Hintern die vereiste Auffahrt am Haus hinauf oder hinab schlidern will, kann den Fahrmodus-Schalter auf Sport-+ stellen. Wir haben das später auf dem kleinen Handlingkurs ausprobiert. Immer noch ohne Spikes, dafür mit sportlichem Schnee-Flug im Rückspiegel. Der Ferrari kann auch quer, logisch. Und später, bei einer Ausfahrt in Richtung Polarkreis lernen wir, dass man auf einer Asphalt-Strasse mit Eis und Schnee darüber wunderbar kontrolliert und trotzdem dynamisch unterwegs sein kann. Dort, wo die meisten Sportwagen recht früh an ihre Traktions- und Dynamik-Grenze stossen, läuft der GTC4Lusso sehr lässig nach vorn.

Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso - Foto: Lennen Descamps
Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso – Foto: Lennen Descamps

Fahrbericht Ferrari GTC4Lusso – Ein Fazit

Der Ferrari GTC4Lusso ist nicht nur der Nachfolger des FF. Er ist mehr als „nur“ ein Allrad-Sportler mit vier Sitzen und einem wirklich kraftvollen V12 unter der Haube. Dabei ist das neue „Snow“-Fahrprogramm ein wichtiger Bestandteil Er ist die deutlich spürbare Idee moderner als seine Wettbewerber. Das Stichwort lautet „Spreizung“ und genau hier Ferrari sehr clever auf die PS-Orgie der Wettbewerber geantwortet.

Wer einmal einen Ferrari in Lappland erleben will, spricht mit seinem Ferrari-Händler. Die Italiener bieten das Fahrerlebnis Lappland ab sofort als Reise an.

Text: Ralf Bernert
Fotos: Lennen Descamps
Video: Ferrari

Fahrbericht Ferrari 488 Spider

Technische Daten laut Hersteller:

Motor: V12
Hubraum: 6.626 ccm
Leistung: 507 kW / 690 PS bei 8.000 U/min
Drehmoment: 697 Nm bei 5.750 U/min
Antrieb: Allrad (Gang 1 bis 4), dann Hinterradantrieb
Getriebe: 7-Gang F1-Doppelkupplungsgetriebe

Maße:
Länge: 4.922 mm
Breite: 1.980 mm
Höhe: 1.383 mm
Radstand: 2.990 mm
Kofferraum: 450 bis 800 Liter
Sitze: 4
Tank: 91 Liter
Leergewicht: 1.790 kg

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 3.4 Sekunden
0-200 km/h: 10.5 Sekunden
Top Speed: 335 km/h

Verbrauch und CO2 (nach ECE+EUDC kombiniert, mit HELE System):
Verbrauch 15.3 l/100 km
CO2: 350 g/km

Preis in Deutschland ab: 261.883,00 Euro

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