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Fahrbericht Ferrari 812 Superfast – 800 PS für alle

Fahrbericht Ferrari 812 Superfast – 800 PS für alle

Fahrbericht Ferrari 812 Superfast - Rennstrecken-Feeling bei 40 Grad - Foto: Ferrari
Fahrbericht Ferrari 812 Superfast – Rennstrecken-Feeling bei 40 Grad – Foto: Ferrari

So raffiniert, so einfach, so erlebbar, so Ferrari. Der 812 Superfast ist GT, Berlinetta, V12, Coupé und Maschine. Alles zusammen und dann auch noch mit einem historischen Beinamen gesegnet. Superfast war einst eine Idee.

Raffaele de Simone sitzt ganz plötzlich auf dem Fahrersitz und grinst. Das tut er immer dann, wenn er einen Ferrari mal eben so über die Piste in Fiorano semmeln kann. Natürlich macht er das nicht einfach so, er weiß dass die Grenzen des 812 Superfast, die Grenzen der Strecke und meine Grenzen recht weit auseinander liegen, deshalb eine kurze Drei. Also drei Runden Raffaele, mit echtem Eintauchen in Kurven, mit echtem Raussprinten, echtem Bremsen und so weiter.

Fahrbericht Ferrari 812 Superfast – Ein Könner halt

Er kennt den Wagen wie die Taschen seines Overalls. Und auch wenn er am Vortag bei einer Familienfeier zu tief in den Teller geschaut hat, das muß jetzt sein. Also ab die Post, der Ferrari rennt los, stürzt sich in die Kurven, als wär´s ein Vorstellungsgespräch für den Job des geilsten Ferrari, der je gebaut wurde. Und dieser Ferrari hat beste Chancen auf den Job. Er ist unglaublich schnell, er ist präzise, er ist ruhig im Fahrverhalten und er ist ungemein zivilisiert, aber das erfahren wir erst später. Raffaele jedenfalls muss den neuesten Ferrari nicht prügeln, er läßt ihn laufen, er zügelt ihn , er kontrolliert ihn. Den Rest macht der Wagen. Ein Könner halt. Raffaele dreht am Volant und erzählt. Er erzählt, er schreit nicht.

Der V12 ist in aller Ruhe aktiv, erst ab 6.000 Umdrehungen sollte man die Stimme heben, aber vorher klingt er nach Hochkultur, nach 12er Chor im Kammerspiel, also die Profis unter sich und Raffaele dirigiert den 812 mit Freude und etlichen Informationen für den Beifahrer. Die Bremsen zum Beispiel, noch exakter, noch besser mit dem Fahrwerk abgestimmt. Wer voll einsteigt, erlebt eine Feinheit, eine Präzision, die man bisher nur in der Formel-1 kannte. Ferrari hat, wie seit Jahren, aufgerüstet.

Die neue, erstmals in einem Ferrari verbaute elektro-mechanische Lenkung arbeitet sauber, gibt reichlich Rückmeldung und sie fühlt sich eben an, wie sich eine sehr gute Lenkung anfühlen sollte: mechanisch. Unebenheiten auf der Strecke, Kontakt mit den Kurbs, das alles spürt man in den Fingern, es arbeitet, es läuft und es kommuniziert.

Fahrbericht Ferrari 812 Superfast - Die Wäscheleine kommt immer näher - Foto: Ferrari
Fahrbericht Ferrari 812 Superfast – Die Wäscheleine kommt immer näher – Foto: Ferrari

Und nun wir. Also 800 PS für alle. Einsteigen, den Schalter am Volant auf „Track“ drehen, raus auf die Strecke und die erste Gerade bis zur Rechts den Pinsel nach unten, anbremsen und zwar richtig hart, bis man denkt, der schiebt jetzt gleich über die Vorderräder in Richtung Planken und rennt dann noch weiter bis zu den Häusern da hinten. Hallo Nachbar, sorry wegen der Wäscheleine. Die Bremsen reduzieren gewaltig, exakt und der 812 schüttelt sich nicht, will nicht irgendwohin rutschen und er weiß, dass gleich das Volant bewegt wird, er weiß das und er ist vorbereitet.

Der Wagen marschiert, läuft, sauber, rund und dann, am Scheitel, dieser rechte Fuß, nach unten als wolle er eine Küchenschabe ins Himmelreich schicken und der Superfast läuft immer noch aber mit dem Vorwärtsdrang eines um sein Leben Rennenden, an der Schnur entlang die Kurve hinaus, die 800 PS als Begründung, denn für irgendwas müssen die 800 ja gut sein. Und sie sind gut. Schub, als wäre der Preis pro PS im Nirvana verschwunden, Druck nach vorn und immer, immer mehr Schub. Wozu eigentlich?

Der F12berlinetta ist das Vorbild, der Ideengeber, der Vorgänger. Der 330 GTC war ein Wegbereiter. Eine wunderbare Interpretation des Reisens per Automobil in seiner sportlichsten, exklusivsten Form in den Sechzigern. Bei Ferrari hiess das V12 vorn, dahinter zwei Sitze plus und dahinter ein Kofferraum. In der Neuzeit erinnerte man sich an diese Ära, der 612 Scaglietti, der FF und der F12 rollten vor die Drehtür. Mit reichlich Leistung und diesem italienischen Stil, den nur ein Aston Martin mit seiner britischen Art kontern konnte. Und nun der Superfast. 800 PS und einer Statur, die man anschauen will.

Fahrbericht Ferrari 812 Superfast – Zuerst waren da Heckflossen

Wir müssen was über Superfast aufschreiben. Übersetzt „Super schnell“. Erstmals verwendet von Pinin Farina 1956. Damals als Design-Konzept erdacht, auf das Chasis des 410 Sport gesetzt, also 380 Pferde unter der Haube. Deshalb Superfast. Vier weitere Konzepte dieser Idee wurden vorgestellt. Also I bis IV. Die ersten beiden trugen Heckflossen, danach wurde es hinten ruhiger. Mitte der 60er dann der 500 Superfast.

Auch dieser Ferrari trug die Handschrift von Pinin Farina und unter der Motorhaube arbeitete eine Besonderheit. Eine Kombination aus Lampredi- und Colombo-Motor. Der Wagen war mit 400 PS nicht gerade langsam, er lief um die 280 km/h. Der 812 Superfast trägt also einen großen Beinamen. Obwohl das Heck des 812 mit dem des 500 Supersport keinerlei Ähnlichkeiten besitzt. Aber das Thema Aerodynamik ist wieder ein Thema. Heute geht es um Strömung, Abtrieb, Auftrieb und im Ergebnis um Traktion. 800 PS müssen auf der Strasse bleiben. Bevor der Ferrari zur Tragfläche wird. Jede Verwirbelung ist ein Thema. Und Kühlung. Nie war Luft im zivilen Autobau so wichtig.

Matteo Biancalana, zuständig für Aerodynamik beim 812, hat den jüngste Ferrari durchlöchert. Luft rein, Luft raus. Am Rechner wurde jede Öffnung zigmal getestet, dann im Luftkanal. Jeder Quadratzentimeter ist wichtig, zur Stabilität, zur Leistungsentfaltung. Die Erfahrungen aus der Formel-1 seien ungemein wichtig. Tempi á la 340 sind eine Herausforderung, vor allem, wenn die Ästhetik eine wichtige Rolle spiele. Riesige Flügel seien bei einem Ferrari für die Strasse unmöglich, vor allem beim 812, der eben nicht nur der Leistung verpflichtet sei.

Zudem sei es unmöglich die Erkenntnisse aus dem Motorsport nicht zu nutzen. Unterboden, Frontlippe, Diffusor und so weiter. Dies alles sei Teil des Designs und eine Berlinetta könne eben nicht wie ein Supersportler aussehen. Recht hat er und man freut sich, dass Ferrari die Tradition der Hochleistungs-GTs weiter pflegt.

Bei aller Begeisterung für Extrem-Fahrten in Fiorano, der 812 Superfast soll raus, raus aus der Begrenzung einer Rennstrecke und rein ins pralle Leben. Also Bumpy-Roads, Orte mit spielenden Kindern am Strassenrand, Postbussen vor der Nase und Kurven, die in den Wald hinein gefräst wurden. Offensichtlich für Autos wie den 812. Der hat seine Freude und teilt sie gern. Per Paddel runter in den Dritten, das Rundinstrument in der Mitte läßt den langen, schwarzen Zeiger einmal kurz in Ekstase laufen, der Saugmotor schreit auf. Nicht wirklich hysterisch, sondern eher wie ein Freudengesang, der Gasfuß senkt sich und der Italiener mit der langen Nase rennt hinaus auf die nächste Gerade. So geht das immer weiter, jedes Dorf eine Pause, man schreitet wie der Papst durch die Gemeinde und am Ausgangsschild ruft man laut „Bis dann“ und verschwindet im Nebel der nächsten Kurve. Der Superfast als Erscheinung. Als Reisender, mit Personen und Gepäck an Bord.

Wohin führt diese ganze technische und optische Entwicklung. Jeder Ferrari ist schneller, stärker als sein Vorgänger. Natürlich auch moderner. Der Nachfolger des 812 Superfast wird vermutlich 840 PS auf die Räder bringen, er wird 350 km/h schnell sein und sein Getriebe wird noch schneller, noch präziser arbeiten. Oder wir erleben dann einen GT mit Hybridantrieb und noch mehr Connectivity. Der 812 ist schon recht ordentlich vernetzt, das Cockpit ist mit einem Extra-Monitor ausgestattet. Navi, Apple CarPlay, Telefon, Fahrzeugeinstellungen per Dreh am Knopf. Der Beifahrer schaut zu, auch er hat einen eigenen Monitor. Speed, Gang, Navi. Die Zukunft wird vor allem auf diesem Gebiet mehr bieten, mehr bieten müssen.

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Die technischen Daten (laut Hersteller)

Motor: V12
Hubraum: 6.496 ccm
Leistung: 588 kW / 800 PS bei 8.500 U/min
Drehmoment: 718 Nm bei 7.000 U/min

Getriebe: 7-Gang DKG
Antrieb: Hinterräder

Maße:
Länge: 4.657 mm
Breite: 1.971 mm
Höhe: 1.276 mm
Leergewicht: 1.525 Kg
Gewichtsverteilung: 47 % vorn – 53 % hinten

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 2,9 Sekunden
Top Speed: > 340 km/h

Verbrauch:
kombiniert: 14,9 l/100 km/h
CO2: 340 g/km

Preis in Deutschland: 282.934,00 Euro inkl. Steuern

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