Fahrbericht BMW X6 xDrive 3.0d

Fahrbericht BMW X6 xDrive 3.0d: Klare Linie
Über diesen BMW wird mitunter heftig gesprochen und geschrieben. Seine Größe, seine optische Wucht, seine Strahlkraft ist schwer zu ignorieren. Seine Sprache ist klar: “Ich bin Wer!” Das Ausrufezeichen aus dem Hause BMW macht an.

 

Foto: Ralf Bernert

Foto: Ralf Bernert

 

Der X6 steht in einem Schaufenster, ein Modellauto, ein paar Zentimeter lang und hoch, ein paar Gramm schwer. Die Türen kann man öffnen, das winzige Lenkrad bewegt die Räder vorn. Die Heckklappe öffnet sich nicht, das Schiebedach bleibt geschlossen, der Zeigefinger läuft von vorn nach hinten, bis er nach der mittleren Säule immer mehr nach unten fährt und an dem kleinen Spoiler hängen bleibt. Was macht man mit so einem Auto, wenn man es in Originalgröße hat?

Neben und hinter dem Mini-X6 stehen Sportwagen, die so flach sind, dass der Verkäufer sie unmöglich hinter den BMW stellen konnte. Der X6 hätte sie verschluckt, ein paar Limousinen mit eleganten Linien messen sich mit dem Viertürer, der auf riesigen Rädern so satt da steht, als könnte ihn noch nicht mal ein ausgewachsener Orkan umwerfen. Die Frontscheibe ist selbst bei einer Größe von einer Handvoll Zentimeter immer noch eindrucksvoll. Im Original könnte man hinter dem Glas ein paar Schaufensterpuppen mit der neuesten Schuhmode aufmarschieren lassen. Der BMW als Laufsteg, als Model, als Symbol, als Beispiel.

Als 2007 der erste X6 auf Bildschirmen und bedrucktem Papier unterwegs war, konnte man Stimmen hören. “Zu groß, zu wuchtig, nicht zeitgemäß, zu auffällig.” Der BMW mit dem klaren Ausrufezeichen hinter der B-Säule sollte bis heute ein besonderer BMW bleiben. Nicht nur wegen seiner Größe, seiner Form und seiner Logik: ein SUV mit Coupé-Rückgrat, ein Coupé auf Highheels, ein Allradler mit anachronistischen Zügen, ein deutscher Viersitzer mit zwei oder drei Persönlichkeiten, ein komplizierter Charakter, ein Einzelgänger auf Rädern. Wir schauen solchen Figuren nach, wir schütteln Köpfe, wir reden darüber, wir stellen Fragen, wir denken uns Antworten aus. Der X6 als der Typ, den man erst einmal nicht versteht.

Hinter dem Steuer wird einiges klarer. BMW hat den X6 zu einem sportlich-praktischen Coupé gemacht. Der X6 kann leise und in aller Ruhe unterwegs ein, er kann Gepäck mitnehmen, das nicht für einen Umzug ausreicht, aber ein paar Kartons gehen immer, vier Menschen lehnen sich locker zurück. Das Head-Up-Display zeigt den Weg, der Diesel kann früh morgens wie ein auslaufender Krabbenkutter klingen, wenn man ihn dann aber laufen lässt, klingt er nach Power. Mit den Schaltwippen am Lenkrad wird aus dem Bayer, der in den USA und Rußland gebaut wird, ein wuchtiger Sportler, der sich anfühlt, als könnte er zwei Gewichtsklassen tiefer antreten. Extrem leichtfüßig wird der X6 nur mit der M-Maschine und dem entsprechenden Getriebe/Fahrwerk. Ich habe das in einem X6 M ausprobiert und war beeindruckt. Der X6 mit dem kultivierten Diesel ist auch sportlich veranlagt, aber sein Revier ist die Autobahn bei Tempo 160. Der achte Gang dreht alle vier Räder in bester Manier, der Innenraum mit Leder und, wenn man will, Holz oder Klavierlack zeigt sich von allerbester Premiumseite.

Bei 210 km/h ist Schluss. Man würde gern weiter machen, der X6 wäre auch dabei. Nur die Elektronik spielt nicht mehr mit. Nicht weil der BMW dann überfordert wäre. Man spürt, dass der Motor weiter könnte, das Fahrwerk auch höhere Tempi könnte, der Fahrer auch bei 250 noch sicher im Sattel säße und die Aussicht aus den großen Seitenfenstern vorn nicht unter mehr Speed leiden würde. Der X6 kann, aber man soll den Benzinern und vor allem dem X6 M sein Revier lassen. Man kann das rücksichtsvoll nennen. Ich nenne das Marketing. Der xDrive 3.0 mit dem kleinen d soll Reichweite und innere Ruhe praktizieren und das kann er auch.

Der kleine X6, immer noch im Reigen der kompletten Auto-Welt als Unikum und beliebte Besonderheit in der Vitrine des Modelauto-Händlers unterwegs, steht souverän und ein wenig mondän auf seiner Glasplatte. Kleine Jungs werden sich vorstellen, wie sie hinter dem Steuer durch die Stadt fahren, irgendwann aussteigen, die Klappe am Heck öffnen und das Mountainbike heraus nehmen. Oder wie sie später, nach ein paar Jahren, den Sohn und die Tochter zum Fußball-Training bringen. Sie werden dann merken, dass dieser BMW auch zeitlos ist. Praktisch, sportlich, groß und ein wenig auffällig. Kein Supersportler, kein Gummistiefel auf Rädern, kein Transporter für die komplette Jugendmannschaft, kein Fluchtwagen, der in der Masse untertaucht und auch kein Billig-Wagen, den man nach 150.000 Kilometer Laufleistung bei einem Fähnchenhändler stehen lässt. Der X6 ist ein Premium-Sports-Activity-Wagen mit einsetzendem Kultstatus, mit Potential zum Klassiker, mit “Ich-fahr-ihn-weil-ich es-will”-Label und mit einer Linie, die trotz oder auch wegen seiner eindeutigen Designsprache sehr klar ist.

 

 

Text: Ralf Bernert
Fotos: Ralf Bernert
Foto: Innenraum: BMW AG

Die technischen Daten BMW X6 xDrive 3.0d (laut Hersteller):
Motor: R6 Diesel Turbo
Hubraum: 2.993 ccm
Drehmoment: 540 Nm (1.750 – 3.000 U/min)
Leistung: 180 kW/245 PS (bei 4.000 U/min)
Antrieb: Allrad
Getriebe: 8-Gang-Automatik mit Schaltwippen

Maße:
L/B/H in mm: 4.877/1.983/1.690
Radstand in mm: 2.933
Tank: 85 Liter
Leergewicht in kg: 2.075
Zul. Gesamtgewicht in kg: 2.675

Fahrleistungen:
Leistungsgewicht: 11,5 kg/kW
0 bis 100 km/h: 7,5 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 210 km/h

Verbrauch
Mix EU-Zyklus: 7,4 l/100 km kombiniert
CO2 in g/km: 195 kombiniert
Einstufung: EU5

Preise: ab 62.500,00 Euro

 

 

Previous «
Next »

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.