Fahrbericht Bentley Continental GT V8 Coupé

Fahrbericht Bentley Continental GT V8 Coupé: British Cruising

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Seit 2003 ist der Continental GT auf fast allen Kontinenten unterwegs. Mit dem großen Coupé hat Bentley einen echten Bestseller im Programm, mehr als 40.000 Exemplare wurden bisher verkauft. Bevor Bentley den neuen Conti vorstellt, waren wir noch einmal mit dem Sparfuchs aus der Familie unterwegs.

Bentley hat´s kultiviert, nicht erfunden, aber kultiviert. Große, starke, schwere und schnelle Autos, alles zusammen. Rennwagen, die in Le Mans den anderen um die Ohren fuhren und die vor- und nachher die Rennfahrer auf Achse von und zur Rennstrecke in Frankreich transportieren. Die Siegerpose mit Rennwagen im Ballsaal inklusive. Das ist schon fast einhundert Jahre her, aber noch taufrisch im Kopf, weil man heute mit einem reinrassigen Le Mans-Rennwagen ohne Sondergenehmigung noch nicht mal in die Nähe einer öffentlichen Straße fahren darf, es sei denn sie ist abgesperrt. Außerdem wäre ein solches Unterfangen nur von kurzer Dauer, der erste Bordstein, das erste durchschnittliche Löchlein im Asphalt und die Carbon-Hülle des Rennwagens wäre reif für die Spezial-Werkstatt.

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Dass ein Bentley auch ohne Carbon-Lippe am Bug auf langen Strecken recht schnell unterwegs sein kann, ist kein Geheimnis. Unser V8 Continental kann maximal mit knapp über 300 km/h dahin rollen, dann schrumpft die Reichweite zwar deutlich zusammen, aus den angegebenen 800 Kilometer werden schnell rund 250 Kilometer, aber er kann es halt. Und das allein ist schon eine Ansage. Man kann, wenn man will, man muß aber nicht. Und genau das nennen wir sinn- und reizvoll.

Fahrbericht Bentley Continental GT V8 Coupé: Zylinder-Schlaf-Saal

Gute 1.300 Kilometer sind wir mit dem GT V8 auf und ab gefahren. Oft Autobahn, meist mit staatlicher Unterstützung im Benzin-Spar-Modus. Tempo 120 ist eine feine Sache, dann flaniert das Crewe-Coupé so gut gelaunt daher, wie ein feiner Herr im Spazierrock. Wenn dann auch noch vier Zylinder den Dienst nach Vorschrift quittieren und man auf der Reichweitenanzeige nach ein paar Kilometern die Zahl wachsen sieht, dann, ja dann, ist der Continental GT ein sehr, sehr bequemer Zeitgenosse. Wenn allerdings von hinten der Zorn in Form von Eilzustellern naht, dann weckt der Brite die vier Zylinder wieder aus dem Schlaf, die ganzen 507 PS stehen, bei 6.000 Umdrehungen, Gewehr bei Fuß und der knapp 2,3 Tonnen leichte Zweitürer macht sich auf den Weg nach vorn. Im Rückspiegel wird der Zornige immer kleiner, es sei denn man hat es mit einem echten Leistungs-Schwergewicht zu tun. Das ganze passiert recht selten, der GT ist auch in Deutschland ein guter Bekannter. Man weiß um seine Kräfte und seine Laufeigenschaften und der V8 singt so wunderbar das Lied vom Speed, dabei trägt der GT V8 noch nicht einmal den Speed im Namen . Egal wie, der GT V8 ist bei Vollgas in seinem zweiten Element, er hebt das Haupt nicht wirklich sichtbar, aber man spürt es deutlich. Die Lenkung ist ein wenig straffer, der ganze Wagen scheint kleiner, ehrgeiziger und sportlicher zu werden. Selbst bei sehr schnellen Kurvenfahrten wirkt der Wagen nicht unruhig, die Sitze könnten dann noch einen Tick mehr Seitenhalt gebrauchen, aber im Grunde ist die Autobahn mit ihren langen, meist leicht nach innen geneigten Kurven das perfekte Umfeld für den Continental.

Fahrbericht Bentley Continental GT V8 Coupé: British Cruising Foto: Ralf Bernert

Fahrbericht Bentley Continental GT V8 Coupé: British Cruising Foto: Ralf Bernert

Irgendwann kann auch die schönste Autobahn-Fahrt den Zenit an Unterhaltsamkeit überschreiten, entweder, weil die Landschaft links und rechts der Bahn einem Bild von Edvard Munch ähnelt oder die lieben Mitmenschen in den anderen Autos gerne die Bremsen des Bentley testen wollen indem sie erst mit einem Ruck von der mittleren auf die linke Fahrbahn wechseln, dann den Mindestabstand vor uns auf ein Minimum beschränken und anschließend die Bremsleuchten ihres Gefährtes zum Glühen bringen. Das hält natürlich wach und der Bentley kann auch sehr sauber und präzise seine Geschwindigkeit reduzieren, aber das Leben im Automobil macht eindeutig mehr Freude, wenn man ohne erzieherische Maßnahmen wildfremder Menschen unterwegs ist. Deshalb haben wir die nächste Einladung zur Ausfahrt angenommen und den GT anschließend dem Wohl der norddeutschen Tiefebene überlassen.

Hier fehlt es zwar an richtigen Bergen und der darin serienmäßig verbauten Serpentinen, aber die Frage ob der Bentley Continental auch engere Kurven kann, konnte beantwortet werden. Yes, er kann. Dank eines Radstandes von exakt 2,747 Millimeter, fallen sehr schnelle Fahrten durch die Gassen einer Mittelalter-Stadt wegen möglicher Diskussionen mit Hausbesitzern und der örtlichen Polizei zwar aus, aber der GT V8 ist doch gut genug unterwegs, er kann recht schnell in Kurven hinein und weder hinaus fahren. Seine Masse ist dabei sicher ein Thema, was dazu führt, dass man sehr hastige Kurvenfahrten auf ein Minimum beschränkt, weil Reifen und Bremsen eben keine Wunder vollbringen können.

Fahrbericht Bentley Continental GT V8 Coupé Foto: Ralf Bernert

Fahrbericht Bentley Continental GT V8 Coupé
Foto: Ralf Bernert

Wenn man dann in einem kleinen Kaff das nicht sehr schnelle Navi auf die Probe stellt und das Piepen des Entfernungswarngerätes einem so langsam auf den Zeiger geht, kann man zwei Dinge tun. Erstens, man schaltet den Pieper aus oder zweitens, man sucht den schnellsten Weg aus dem Fachwerk-Labyrinth und freut sich auf schöne, lange Kurven einer Landstraße. Beim Parken muß man mit den gleichen Problemen wie in engen Gassen rechnen, nur aus anderen Gründen. Weil große Coupés nun mal lange Türen haben und Menschen, die neben einem großen Coupé parken, selten Rücksicht üben. Ein Limousinen-Chauffeur hat das nicht gemacht und wir haben geflucht. Deshalb Finger weg von Parkhäusern, es sei denn man findet einen Platz direkt neben einem Eingang.

Bentley R-Type Continental 1950 Foto: Bentley

Bentley R-Type Continental 1950 Foto: Bentley

Bentley S1 Continental 1956 Foto: Bentley

Bentley S1 Continental 1956 Foto: Bentley

Bentley Continental R 1996 Foto: Bentley

Bentley Continental R 1996 Foto: Bentley

Und jetzt schauen wir zurück und nach vorn. Der Reihe nach. Der Continental trägt einen berühmten Namen. 1952 tauchte der erste Bentley Continental auf. Ein Prachtstück, das noch heute für Begeisterung sucht. Für lange Touren auf dem Kontinent wurde der Continental auf Basis des Bentley R gebaut. H.J. Mulliner baute die meisten Exemplare. Bis 195 km/h soll der Zweitürer geschafft haben. Ein für die damalige Zeit fabelhafter Wert. Vor allem junge, vermögende Herren waren dem sehr sportlichen Coupé und seinem feinen Hintern sehr zugetan. Auf den Continental R folge der S1 Continental als Coupé, auch dieser Zweitürer glänzte mit seinen hinteren Auffälligkeiten und natürlich opulenten Fahrwerten. 431 Exemplare davon wurden offiziell verkauft. Vom Nachfolger, dem S2 als Coupé wurde bis 388 Stück ausgeliefert und der S3 mit zwei Türen wechselte 312 mal den Besitzer. Dann folgte eine Pause, zwischen 1965 und 1984 tauchte der Begriff Continental nicht mehr auf. Erst 1984 wurde wieder ein Conti angeboten, diesmal mit V8 und ohne Dach. Das nächste Coupé folgte, ein Journalist nannte den Motor im Continental R „Crewe´s Missile“, kein Wunder immerhin wurden aus dem 6,75 Liter V8 325 PS, man zahlte damals mehr als 550.000,00 DM und später folgte noch der Continental T, der dann brutale 420 PS und sagenhafte 875 Newtonmeter lieferte.

Fahrbericht Bentley Continental GT V8 Coupé: Viel Raum für die Zukunft

Und dann kam der Continental, wie wir ihn seit 2003 nahezu unverändert kennen. Zuerst mit dem Volkswagen-Motor W12 und 560 PS, später folge dann zusätzlich der V8 mit Zylinderabschaltung, unser Testwagen. Als Alternative und sicher auch als Einladung an Menschen, deren autombiler Verstand nicht nur in Pferdestärken kommunizierte. Die Verkaufszahlen der Continental-Familie sprengen die Bentley-Skala nicht nur, sie zerbröseln sie. Und das hing nicht nur mit der enormen Leistung und den enormen finanziellen Mitteln des Volkswagen-Konzerns zusammen. Immerhin mußte VW eine komplett neue Vertriebsstruktur aufbauen, außerdem waren im Stammwerk in Crewe hohe Investitionen in die Produktionsanlagen unbedingt erforderlich. Ob sich der Aufwand für Volkswagen und Bentley wirtschaftlich gelohnt hat, steht auf einem anderen Blatt, aber die Marke Bentley wurde auf alle Fälle sehr erfolgreich aus dem über 70 Jahre andauernden Wachkoma unter der Leitung von Rolls-Royce erweckt.

Bentley Continental GT Interieur Photo: James Lipman / jameslipman.com

Bentley Continental GT Interieur
Photo: James Lipman / jameslipman.com

Und jetzt? Der EXP 10 Spees Six ist eine Herausforderung, auch der DB11 von Aston Martin wird Begehrlichkeiten bei der Kundschaft wecken. Der neue Continental muß weg von der Opulenz des jetzigen Modells, Innen wie Außen. Er muß die Erwartungen einer Kundschaft erfüllen, für die das Thema Connected Car und Digitalisierung zum automobilen Alltag gehört. Dass Bentley wieder Fahrleistungen ganz nah bei den Supersportlern liefern wird, steht außer Frage. Auf alle Fälle werden wir beim neuen Continental weniger Holz, weniger Leder und dafür mehr Display, mehr Apps und mehr Hightech erleben. Die Form wird dem Klassiker folgen und, so hoffen wir, die Tradition des Continental weniger laut und dafür filigraner und ausfallen. Wir freuen uns auf mehr Zack und weniger Brum, weniger früher war alles besser, dafür mehr Coolness. Für die Tradition und den Enthusiasten im Club ist der Mulsanne die weitaus interessantere Spielwiese. Der Continental darf gerne nach von rennen, den sportlichen Kern der Marke Bentley erstrahlen lassen und dabei auch ein digitales Auge auf die jüngere Kundschaft werfen.

Fahrbericht:

Bentley Continental GT Speed Coupé W12

 

Text: Ralf Bernert
Fotos: Bentley und Ralf Bernert

Technische Daten (laut Hersteller):
Motor: V8 Twin Turbo mit Zylinderabschaltung (V4)
Hubraum: 4,0 Liter
Leistung: 373 kW/507 PS
Drehmoment: 660 Nm bei 1.700 bis 5.000 U/min
Beschleunigung: 0-100 km/h in 4,8 Sekunden
Top Speed: 303 km/h
Reichweite: über 800 km
Getriebe: 8-Gang-Automatik ZF mit Schaltwippen
Antrieb: 40:60 Allrad (vorn: hinten)

Verbrauch kombiniert: 10,6 l/100 km
CO2: 246 g/km

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