Fahrbericht Aston Martin DB11 – Der beste Dandy

Fahrbericht Aston Martin DB11    Foto: Aston Martin
Fahrbericht Aston Martin DB11 Foto: Aston Martin

Der Winter war da, als hätte er es gewusst. Er kam gemeinsam mit dem Testwagen und der hatte Wintersohlen an den Rädern, als hätte er es gewusst. Beide im Einklang. Der Aston Martin, jene Ausprägung der Gattung Automobil, der man nachsagt, sie betäube den Verstand und verführe die Sinne, spielte mit dem Winter. Und wir waren mitten drin.

Wenn der Winter seine erste Visitenkarte vor die Haustür legt, werden Schuhe mit groben Sohlen aus dem Keller geholt, es wird schmutzig und kalt. Der Aston trägt seine Wintersohlen und er steht nach ein paar Minuten mitten im Winter. Wie ein kleiner Junge nach der ersten Schneeballschlacht des Winters. Dreck an den Schuhen, braune Flecken überall. Die neue Hose völlig versaut. Der DB11 führt den Dreck über die Vorderräder an die Lüftungsschlitze und vorn dort an die Flanke. Der silberne Wagen hat Masern. Sauerei. Also ab in die Waschstraße, duschen für 12,95 Euro. Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Einmal auf den Feldweg, zwischen frischen Schnee und die weiche, braune Erde, in der Kartoffeln ihren Winterschlaf halten. Dem Aston ist das egal. Er erntet Erde und Schnee, vermengt das Ganze zu einer Melange, hellbraun und in der Konsistenz ganz nah am Karamell-Eis. Wieder auf die silberne Hose, wieder duschen.

Fahrbericht Aston Martin DB11    Foto: Ralf Bernert
Fahrbericht Aston Martin DB11 Foto: Ralf Bernert

Da steht er nun. Silber, still, eine Leinwand bräuchte man. So viele Details, überall. Hier eine Linie, da eine Öffnung, vorn schauen zwei längliche, matt glänzende Flügel zaghaft aus ihrer Behausung. Sie sollen den Wind einfangen und nach unten schicken. Weiter hinten, eine kaum sichtbare Öffnung, der gleiche Job. Windenergie plus V12. Luftleittechnik. Aus dem Motorsport. Wer keinen Spoiler durch die Landschaft fahren will, dirigiert den Wind per Tunnel. Auf das der Aston mit reichlich Nachdruck den Asphalt belebe.

Die Ästhetik des Aston Martin DB11 ist bemerkenswert

Der Winter kam vorbei, über Nacht, ohne Einladung und er brachte Farbe mit. Weiße Flecken am Straßenrand, dazwischen das Coupé. Wie das Shuttle eines Raumschiffes, das weiter oben um die Erde kreist. Das Kaptains-Shuttle, für besondere Flüge. „Seht´ her, wir kommen in Frieden und wir haben unser schönstes Gefährt mitgebracht.“ Weiche Linien, fließend, in der Ruhe liegt die Dynamik.

Aus dem Rund der vorderen Radhäuser laufen schmale Kanäle nach hinten in Richtung Heck, dort dann die Breite am Heck, mit Raum für Luft und Wind. Die Silhouette des DB11 ist dominant, klar und klassisch. Zeitlos? Vermutlich, aber das wissen wir erst in zwanzig Jahren. Die Tür öffnet, nachdem man den Griff heraus gebeten hat. Der Aston streckt einen Finger heraus, ziehen und die Tür kommt dir entgegen. Gastfreundschaft mit einer kleinen Geste verbunden.

Und dann blicken wir auf die Motorhaube, die lang genug ist, damit das Gehirn wieder Bilder aus der Vergangenheit einfangen kann. Lange Haube- kurzer Hintern, dazwischen Leder und die Zweisamkeit des Fahrers mit dem Gefährt. Klassik, britische Klassik. Ein Grand Turisme aus britischer Feder. Wir fügen später Supersport vor GT, denn selbst mit Winterreifen geht mächtig was nach vorn. Rechts neben uns, eine neue Ansicht. Der Wasserfall, so nennt Aston Martin die Mittelkonsole, ist leider ein wenig ausgetrocknet. Wo beim DB9 noch ein recht klobiger Monolith als Monitor sein Dasein fristete, sitzt nun, aufrecht und fein umrahmt, ein schicker Bildschirm. Darunter zwei Lüftungsdüsen und dann folgt das Quintett für einzelne Fingerübungen. In der Mitte, nun ohne den Schacht, der Start-Stop-Knopf, noch immer eine Augenweide aber eben leider ohne den Schacht. Dort hinein hat man früher den elegantesten Autoschlüssel der Welt geschoben und mit sanftem aber nachhaltigem Druck den Motor zum Dienst gebeten. Heute bleibt der Schlüssel im Ablagefach, der Zeigefinger drückt und das Kombinat aus 12 Zylindern nimmt Haltung an. „Zu Diensten, Sir.“

Der Aston Martin DB11 kann Farbfernsehen

Unter den fünf Knöpfen versammelt sich die komplette Mannschaft der Heiz- und Kühlabteilung plus den Jungs aus dem Entertainment-Fach. Darunter ein Duett, dass wir aus einem anderen Automobil kennen. Der Touch-Dreh-Drück-Schalter. Wir kennen ihn als Schwabe. Das Handbuch, sonst im Handschaufach, wurde digitalisiert und wohnt jetzt im neuen Monitor. Der Zauber-Drehknopf zur Charakter-Wandlung des Aston sitzt weiter links, wir werden ihn später ausgiebig nutzen und schätzen lernen. Eine weitere Neuerung wartet hinter dem Volant. Farbfernsehen.

Den Zeichen der Zeit folgend haben die Innenausstatter von Aston Martin dem DB11 mit großer Begeisterung eine digitale Leinwand eingebaut. Der Mensch blickt auf ein großes, rundes Zentralinstrument, dessen Programm zur Hauptsache die Drehzahl anzeigt, erreicht der Zeiger die Zahl 6, erblickt man den Rotlichtbezirk des V12 und das heisst, Leben in der Bude. Links und rechts des eindrucksvollen Rund sitzen, fast schüchtern, zwei kleine Anzeigen, die auch per Schalter ihre Nachricht verkünden. Dämpfer- und Fahrwerkseinstellung auf Komfort oder Sport. Je nach Lust, Laune und Wetter.

Foto: Aston Martin
Foto: Aston Martin

Wir haben einen Gast an Bord. Das iPhone 7 will mit. Zwei Verbindungen zum neuesten Aston Martin werden geprüft. Mit und ohne Kabel. Beides funktioniert einwandfrei. Das Smartphone, passend zum edlen Gefährt, in edlem Diamant schwarz, sitzt während der Fahrt in der Ablage der Mittelkonsole. Auch dort hat Aston Martin eine Änderung parat. Der Deckel wurde früher angehoben, nun hat das Fach ein Schiebedach. Den Knopf einfach ziehen und der Deckel zieht sich vornehm zurück. Aus dem iPhone 7 lassen sich nahezu alle Funktionen auf den Bildschirm des DB11 übertragen. Nur Apple CarPlay ist noch nicht verfügbar. Aber das kommt noch. Beim Thema Conncetivity spielen die Briten noch nicht in der obersten Liga, aber das kann sich schnell ändern.

Fahrbericht Aston Martin DB11   Foto: Aston Martin
Fahrbericht Aston Martin DB11 Foto: Aston Martin

Der Mittelknopf wird gedrückt. Ein Lebenszeichen, ein Impuls an die Ohren, eine Nachricht aus dem Maschinenraum. Laut, kurz, kraftvoll aber nicht aufdringlich. Eher klar und deutlich. Dann den Finger nach rechts, auf D. Der lange Handbremshebel neben dem Sitz ist verschwunden. Zu grob, zu altmodisch. Eine elektronische Feststellbremse, überall Standard. Jetzt also Finger- statt Handbremse. Im Stadtgetümmel Hamburgs dreht man sich um. Hier und da. Aston Martin? Klar, aber welcher. Kennzeichen aus England, ein Brite in Hamburg. Die Erinnerung an den DB9 GT sind noch frisch, weil eindringlich. Wie bei allen Aston. Anders, unverwechselbar. Ein Aston Martin ist auch immer ein Spielzeuggeschäft und du bist über Nacht darin gefangen. Wo anfangen? Was tun? Bloß´ nichts verpassen.

Fahrbericht Aston Martin DB11   Foto: Ralf Bernert
Fahrbericht Aston Martin DB11 Foto: Ralf Bernert

Durch die Nacht fahren, Klänge aus den Boxen vermischen sich mit dem Auf- und Ab der Kolben. Mechanik und Lounge-Sound im Gleichklang. In einem Aston Martin ist das immer eine Selbstverständlichkeit, Tradition oder auch einfach nur ganz normal. Lifestyle at it´s best. Vor allem an einem frühen Novemberabend. Die Alster, dieser kleine See mitten in Hamburg öffnet dann seine Lightshow. In den Büros brennt noch Licht, durch die großen Sprossenfenster der Villen nahe der US-Vertretung schimmern die Kerzen an den Kronleuchtern. Ein kitschiges Bild, vielleicht. Aber eine Realität. Und dieser Aston passt haargenau hier hin. In eine Auffahrt.

Am nächsten Tag, die komplett andere Welt. Autobahn, graue Fahrbahn plus meist schwarze Autos plus LKW. Der silberne DB11 sitzt auf der Mittelspur, Limit 120 km/h. Hier und da ein aufrechter Daumen, ein paar Bilder werden gemacht. Dann das Startsignal, das Schild mit den grauen Streifen, von links unten nach rechts oben. Freie Fahrt. Erstmal mit voller Elektronik-Montur. Vollgas. Der breite Vorderwagen hebt sich leicht, der digitale Speedometer rennt los. Bis 250 läuft alles sauber, keine Vibrationen, trotz Winterreifen. Ein wenig lauter. Dann die Einstellung Sport. Näher am Motor, das Gaspedal sensibler, das Fahrwerk spürbar härter, der Motor lauter. Von 120 bis 220. Schneller, agiler, nicht brutal und auch nicht supersportlich. Aber eindrucksvoll. Das war´s. Ausfahrt.

Da liegt Laub vor der Kurve und Feuchtigkeit, neben der Spur strahlt frischer, in kleine Inseln verteilter Schnee. 0,0 Grad Celsius, beschleunigen, anbremsen, einlenken, wieder beschleunigen und das immer und immer wieder. Bis die Elektronik mitspielt und den Wagen einfängt. 85 km/h und das Maß ist voll. Zu wenig Traktion und die Technik übernimmt blitzschnell das Regiment. Vorher ein paar enge, trockene Kurven genommen. Per Schaltwippe in den Zweiten, vorher in den Sportmodus und der DB11 ist trotz seiner Kopflast stabil und ruhig. Und er sieht sehr gut aus, ein nachfolgender Autofahrer bestätigt das. Er hält an. Scheibe runter. „Hinter dem fahre ich gerne her.“

Fahrbericht Aston Martin DB11  Foto: Ralf Bernert
Fahrbericht Aston Martin DB11 Foto: Ralf Bernert

Noch mehr Schnee, noch kälter. Ein Waldweg neben einem Acker. Der DB11 in SUV-Manier. Heckantrieb, also vorher zu Fuß den Weg ablaufen und dann im Wagen ein Foto der Ansicht von oben. Der Aston rollt in den Wald und wieder hinaus. Flecken auf dem Lack und ein nettes Foto zur Erinnerung. 12,95 Euro, Waschstrasse.

Woran denkt man nach der Tour? An früher. Als ein Aston Martin Virage bei schneller Kurvenfahrt die notwendigen Gangwechsel nicht konnte. Der Automat war zu langsam. Oder den N430 mit Handschalter, kein Aston kann den britischen Sportler besser und eleganter geben. Und der DB11? Er kann den Gentleman, den schnellen Gentleman. Besser kann das keiner. Er sieht hinreissend aus, er fährt sich lässig, locker, schnell und kultiviert. Getriebe und Motor verstehen einander. Die Aura ist sehr präsent, fast in der Hauptrolle. Der DB11 ist auch ein Schauspieler, er gibt den Dandy der Neuzeit, den modernen Klassiker.

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Text: Ralf Bernert
Fotos: Aston Martin / Ralf Bernert
Video: www.motorredaktion.com

Die technischen Daten laut Hersteller:

Motor: 5,2 Liter V12 BiTurbo
Leistung: 608 PS bei 6.500 U/min
Drehmoment: 700 Nm bei 1.500 bis 5.000 U/min
Getriebe: 8-Gang Automatik ZF

Fahrleistungen:
0-100 km/h: 3,9 Sekunden
Top Speed: 322 km/h

Verbrauch kombiniert: 11,4 Liter
CO2: 265 g/km

Leergewicht: 1.770 Kilo

Preis in Deutschland ab: 204.900,00 Euro