Siegfried Schreiber: Der Eigenwillige
Dem sinnlich-erotischen Erlebnis aus der Berührung von Schreibers "meditativen Holzskulpturen" kann sich keiner entziehen. Ob dickwandiges, massives Präsentationssobjekt oder fast transparente Schale: Seine Werke aus purem Holz vermitteln intensive haptische Erfahrungen. Hamburg im Juni 2008 "Man muss vom Holz selbst lernen" meint der Kunsthandwerker Siegfried Schreiber. Der lebendige Werkstoff will zur Ruhe gebracht werden. "Zur rechten Zeit führt er meine Hände zur Vollendung der Form." Und die Formen seiner zeitlosen Objekte bestechen durch Klarheit, durch Reduktion auf's Wesentliche.
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Bild oben links: Mondsichel aus Ahorn Wie der Sichelmond verjüngt sich die Wandung der halbkugelförmigen Schale von der Mitte nach außen immer mehr, bis sie lichtdurchscheinend dünn wird. Sie liegt sehr angenehm in der Hand. Maße: 220 x 110 mm Bild oben rechts: Japanschale aus Birnbaum Diese Form wurde beim Designwettbewerb der Expo Toyama 1992 in Japan mit dem zweiten Preis ausgezeichnet. Seither nennet sie Siegfried Schreiber "seine Japanschale". Sie stellt die schlichtest denkbare Form einer Schale dar und bestach die Jury durch ihre schwebende Beweglichkeit und ihre aufs Äußerste reduzierte Form. Maße: 934 x 76 mm
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Bild oben links: Liebespaar aus Ahorn und Birnbaum: Die genaue formliche Abstimmung einer Japanschale und zweier Taumelschalen aufeinander führt dazu, dass die beiden Taumelschalen einen Reigen miteinander tanzen und schließlich, sich zärtlich streichelnd, in der Mitte der Schale zur Ruhe kommen. Maße der Japanschale: 570 x 165 mm Maße jeder Taumelschale: 125 x 165 mm Bild oben rechts: Planetenlauf aus Rosskastanie Eine Reihe von Kugellaufrillen erweckt den Eindruck einer Kugellaufbahn. Den Lauf der "Planeten" gegeneinander mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten kann der Betrachter jedoch nur erfahren, wenn er die Schale selbst bewegt. Maße: 680 x 250 mm Mehr zum Künstler: Der gebürtige Stuttgarter hatte sich das Drechseln selbst beigebracht - ein Spätberufener, dessen Leben zunächst gezeichnet war von der "Leidensgeschichte" Schule mit anschließender Arbeit bei einem Kleinmöbelhersteller. Seinen Ausstieg im Jahr 1960 und das folgende "Wanderjahr" in Afrika bezeichnet der heute Mittsechziger als "zweiten Anfang" seines Lebens. Nach seinem Studium der Pädagogik, Theologie und Politik widmet sich Schreiber dem damals für ihn "schönsten" Beruf, der Lehrertätigkeit. - Dies 25 begeisterte Jahre lang, bis außerdienstliches Engagement in der Politik und Friedensbewegung zu unüberbrückbaren Differenzen mit der Schulbehörde führt. Schweren Herzens nimmt Schreiber Abschied. "Das Leben bietet ungeahnte Chancen": 1990 verwirklicht er seinen Traum einer eigenen kleinen Drehbank und macht sich selbständig.
Was bringt der Autodidakt für seine neue Aufgabe mit?
Zunächst ist da sein Eigenwille verbunden mit Begeisterung und Leidenschaft.
Dann seine unendliche Geduld, die er schon als Pädagoge unter Beweis stellen musste. Bis zu fünf Jahre lang drechselt der Seiteneinsteiger an einem Stück Holz Schicht für Schicht bis es seine endgültige Form einnimmt. Holz muss reifen, trocknen und ruhen. "Gestresstes" Holz muss entspannt werden. Erst dann lassen sich Objekte kreieren, in denen niemals ein Riss oder Sprung zu finden sein wird.
Intuition und Hingabe, denn seine Arbeit am Objekt ist ein meditativer Akt.
Innige Verbundenheit mit der Natur und dem Werkstoff Holz. Schreiber folgt seinem Empfinden. Er bearbeitet vorwiegend heimisches Holz in Hunderten von Schritten zu erlesenen, makellosen Meisterwerken, die oft kaum mehr als 3 mm stark sind.
Sinnlichkeit. Die Oberfläche jeder seiner Schöpfungen ist samtweich und seidig glänzend: keine Lacke, keine Lasuren, lediglich naturbelassenes Holz poliert mit feinem Schleifpapier.
Offenheit für Experimente. Schreiber widmet sich zunehmend größeren Teilen und "kinetischen Objekten der Leichtigkeit und Langsamkeit" wie er sie nennt. Beispiel sei der Planetenlauf, siehe Bild 4 rechts. Dieser Meditationsschale wie auch anderen Objekten aus seinen Händen werden therapeutische, heilende Kräfte nachgesagt.
Vielleicht noch eine Portion Humor und einen Hauch Erotik.
All das findet sich in Schreibers einzigartigen Kunstwerken wieder, zeichnet sie aus und macht sie zu einem intensiv spürbaren Erlebnis. Die erste große Würdigung seiner Arbeit erhält der Kunsthandwerker 1992, also zwei Jahre nach Einrichtung seiner Werkstatt, beim International Crafts Festival der Expo Toyama, Japan: eine Auszeichnung für seine extrem flache Japanschale, siehe zweites Bild rechts.
Zahlreiche Ausstellungen und Preise folgen. Mittlerweile sind Siegfried Schreibers Objekte in Galerien auf aller Welt zu finden.
Text: Siegfried Schreiber/Corinna Keller
Fotos: Siegfried Schreiber























