Die Anfahrt zum Abendmahl ist lang: 935 Kilometer. Vierhundertfünfzig Gäste werden erwartet. Die Nasen gepudert, die Schuhe gelackt, den Smoking silbern glänzend auf Maß geschneidert. Keine Angst vor Zagato und Konsorten. Die Ringe an den Fingern verraten die Herkunft. Modeschmuck oder Goldschmiedekunst?
Ein Jungspund unter alten Hasen. Der XK von Jaguar beim British Classic Car Meeting in St. Moritz.
St. Moritz im Juli 2010
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Lange Nasen sind nicht schick. Stups- oder Kurznasen sind besser. Wer will schon über eine ellenlange Nase sehen müssen. Man könnte höchstens mehrere Brillen darauf absetzen. Im Grunde ist alles eine Frage der Proportionen. Insofern ist die Bemerkung über die "lange Nase" des Jaguar XK unbedingt zu relativieren. Historisch betrachtet ist die lange Front des XK eigentlich kaum nachvollziehbar. Der E-Type, als Schrecken italienischer und deutscher Sportcoupés, ist die Inkarnation der Front-Ikonen schlechthin. Er kultivierte die Motorhaube, versetzte Männer in ein Trauma. Das Dekolleté auf Rädern war geboren und auf ewig in die Windungen zahlloser Männerhirne eingebrannt. Der aktuelle XK trägt ein solches Dekolleté. Vergessen wir die Nase. Lange Nasen haben kurze Beine.
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Gut und gerne 750 Kilometer Autobahn. Zum grossen Teil ist die Höchstgeschwindigkeit juristisch abgeregelt. Hier und da werden die acht Zylinder vollständig zur Arbeit gerufen, müssen im Akkord Leistung bringen, die Antriebswelle bis zu sechstausend mal pro Minute drehen und einige Minuten später wieder in aller Ruhe routiniert bei maßvoller Zufuhr von Energie Tempo 120 halten. Weniger als zehn Liter Superbenzin reichen aus. Wenn wir hinten rechts siebzig Liter Energieträger einfüllen, werden weiter vorn Leistungen erbracht, die gut 700 Kilometer weit reichen. Besonders schöne Dekolletés sind besonders anspruchsvoll, sagt der männliche Volksmund. Dieses hier nicht. Es ist schön, üppig und genügsam.
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Kurz nach der Ankunft unten am Berg, lockt die Schlange mit ihren erotischen Kurven. Julier, eine Versuchung für hastige Naturen - eine Gefahr für Übermut. Der Jaguar trägt seine "S"portkleidung, ist parat für kurze Sprünge, noch geschmeidiger in engen Kehren, stellt die akustischen Nackenhaare auf, seine Schritte werden kürzer, trommeln gegen den Asphalt, bereit zur Jagd, gerüstet und hoch motiviert. Oben, den Wolken ein wenig näher, eine kurze Verschnaufpause, den Weg ins Tal im Blick, Luft holen vor dem Abstieg. Die 4,70 Meter lange britische Katze stemmt sich vor jeder Kurve gegen die Schwerkraft um anschließend mit jedem Gasstoß um die Ecke zu springen. Sie faucht vor jeder Biegung, den Gegenverkehr warnend, die beiden Schaltpaddel am Volant zähmen oder spornen an. Die Sprünge von Kurve zu Kurve bereiten dem großen Raubtier sichtlich Freude, der Jaguar braucht keinen Dompteur, er braucht Bewegung.
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Nach der Hatz die Kür, ein Auftritt unter Gleichen. XK, E-Type, SS 100, XJ. Die Verwandtschaft ist schon da, alle Generationen unter einem Himmel. Siebzigjährige treffen auf Ur-Enkel, sie tragen Falten im Gesicht, sind beschlagen mit Routine und Patina, erzählen von langen Reisen oder kurzen Ausflügen in alle Ecken der Welt. Der Brite ist Entdecker und Fast-Schweizer, auch der XK trägt das Berg-und-Talbahn-Gen in sich, nimmt Luft beim Anblick kurvigster Anstiege, spiegelt sich gerne in saubersten Bergseen und rollt british-sophisticated vor die Drehtüre, den Empfang geniessend. Jag is coming home.
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Das Diner war ein Gedicht, die Küche des Suvretta House hat seine Gäste verwöhnt, nun ruft die Nacht mit Sternen am Himmel und mit der Vorfreude auf einem Ausflug am nächsten Tag. Zweihundert Kilometer Lust auf Natur, Schweiz pur und die Sonne schickt ihre Grüsse zu uns. Der Mensch badet im Sommer, der Jaguar schwitzt, arbeitet, rennt und trabt. Durch kleinste Orte, zwischen Häusern hindurch, an begeisterten Menschen vorbei, die Hupen kündigen an und grüssen, manchmal verdichten sich die rollenden Briten zu kleinen Prozessionen, manchmal schlendern sie allein durch Täler und kleine Wälder.
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Der XK ist dabei, mitten drin, mal im Pulk mal am Strassenrand, als Beobachter, Bewunderer oder Wegweiser. Am Nachmittag, wenn sich die Ausflügler wieder im Hotel versammeln, werden Fotos gezeigt, E-Mail-Adressen getauscht und es fliesst reichlich Wasser durch Gartenschläuche an deren Ende eine feine Bürste den Staub der Strasse vom Lack trennt. Weiche Tücher streicheln Chrom, der Concourse D´Elégance am nächsten Tag fordert Akkuratesse. Sie werden zu Tausenden kommen, Dekolletés bestaunen. Auch das unseres XK, der zuhause ist und doch wieder zurück in seine Heimat fahren wird. 935 Kilometer am Stück. Ohne Murren und Klagen. Mit Erinnerungen und ein wenig mehr Profil dank einer kurzen aber intensiven Liaison mit der zweiten Heimat.
Die technischen Daten (laut Hersteller):
XK Cabrio
Motor: V8
Leistung: 283 kw/385 PS
Hubraum: 5.000 ccm
Drehmoment: 515 Nm
Getriebe: 6-Gang Automatik (Schaltwippen)
0-100: 5,6 Sek.
Speed max: 250 km/h abg.
Verbrauch (kombiniert): 11,2 l/100km
Antrieb: Hinterrad
Länge: 4.794 mm
Breite inkl. Spiegel: 2.028 mm
Höhe: 1.329 mm
Leergewicht: 1.696 Kg
zul. Gesamtgewicht: 2.120 Kg
Wendekreis: 10,90 m
Kofferraum: 313 l
Preis: ab 106.100,00 Euro inkl. MwSt.
Im Kontext:
Bericht: British Classic Car Meeting 2010
Fahrbericht: Jaguar XK CoupéR
Fahrbericht: Jaguar XJ (2010)
Fahrbericht: Jaguar XF Diesel S
Text: Ralf Bernert
Fotos: Ralf Bernert
www.jaguar.de


























