Fahrbericht BMW X6 M: Die rote Wuchtbrumme aus Spartenburg
555 PS verteilt auf vier Räder und 2,4 Tonnen. Wer auf pure Dynamik in Verbindung mit Langstrecken-Komfort steht, ist bei dem neusten Wurf der M GmbH an der richtigen Adresse.
Exclusive-Life hat den Freudenspender aus dem Hause BMW dort getestet, wo er gebaut wird, im Südosten der USA.

Der Weg zum neuesten Baby aus der Dynamik-Schmiede der BMW AG ist weit und endet zunächst einmal mit einer Klatsche der meteorologischen Art. Nachdem uns die Besatzung des Fliegers mit der Power der Klimaanlage an Temperaturen weit jenseits der 15 Grad Celsius gewöhnt hatte, tauchen wir beim Verlassen des Flughafens in die Realität der Südstaaten-Hitze ein. Ein Schritt nach vorn und du stehst kurz vor dem Kreislaufkollaps. Das Shuttle holt uns wieder zurück in die wohlige Kälte, der Fahrer schaltet auf stur. Volle Pulle Klima. Jetzt wissen wir, weshalb ein Hybrid in den Südtstaaten kaum Sinn macht.
Vor dem Hotel, mitten im Nobelviertel Peachtree, stehen die Kandidaten. Melbourne-Rot und Space-Grey-Silber. Vorn ohne Kennzeichen, die Front ungeschminkt. Die enormen Lufteinlässe, die Niere fast zierlich im Vergleich zum Rest der athletischen Front. Von vornehmer Eleganz keine Spur. Die 20-Zöller tragen das Kraftpaket mit breiter Brust.
Morgen geht's zur Hauptuntersuchung.
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Sechs Stunden Schlaf ohne AC. Im sechsten Stock bei geschlossenem Fenster. 130 TV-Programme, gefühlte 70 TV-Prediger, 40 Shopping-Sender, die Abnehmpillen und Bauchwegtrainer für Fastfood-Junkies verkaufen und der Rest jammert um Michael Jackson. Die Freude auf den Ausritt mit 555 PS ist gewaltig.
Ein letztes Gebet für den Tag
Die Prediger kennen keine Gnade. Kaum hat der BMW mit uns das Stadtgewimmel verlassen, werden wir vor irdischen Freuden mit den Zeigefingern der Baptisten, Methodisten und Protestanten schnell und sehr aufdringlich gewarnt. Die Kirchtürme mahnen zur Einsicht und rufen zur Einkehr. Wir konvertieren nicht, lassen den Bayern aber kurz die Luft des Herrn schnuppern. Halleluja!!
Gut 80 Meilen durchs Hinterland bis zum Prüfgelände. Die "Road Atlanta" wird von der American LeMans-Serie heimgesucht; die Strecke ist im Umgang mit schnellen Vierrädern routiniert. Bis dahin lassen wir die Turbolader in Ruhe, die Schaltwippen dösen und der V8 wird nur zur Show laut. Die Bewohner in den kleinen Häusern links und rechts der fast europäisch anmutenden Landstraße sollen keine Angst vor der deutschen Ingenieurskunst haben. Manchmal steckt ein Truck seine Nase zu nah an unseren Hintern. Für eine Sekunde freut sich der Trucker, dann sind wir wieder weg.
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Rechts in die Einfahrt. Der junge Mann in Uniform brüllt freundlich ins Auto: "Turn left and have fun." Oberhalb der Boxengasse warten rund sechs Golf-Wägelchen, daneben der X5 M und das Gebäude, in das die M GmbH zum zweiten Breakfast und zur Pressekonferenz geladen hat. Vor dem Fun die Arbeit. Vier Sorten Milch. Der US-Amerikaner meidet Fett wie der Teufel das Weihwasser. 2 Prozent reichen schon für einen bösen Blick, Soja-Milch, Half and Half oder "no fat". Gilt das auch für den X6 M? Eher nicht. Hundert Prozent Dynamik sind angesagt.
Im kleinen Zelt direkt an der Einfahrt zur Boxenausfahrt steht ein junger Mann in halblangen Hosen. Er ist der Türsteher zur Strecke, der Einweiser. "Rote Flagge bedeutet langsam fahren und bei nächster Gelegenheit in die Boxengasse fahren. Gelb bedeutet nicht überholen. Bei einem Unfall oder Defekt an den Rand fahren, Warnblinker an und unbedingt im Auto bleiben." (Gilt das auch, wenn der Wagen brennt?) Die Streckenkarte zeigt nur die halbe Wahrheit. Die Designer haben einige Kurven hinter Steigungen versteckt. Das Frühstück wird vermutlich noch einmal seine Form ändern. Die 2-Prozent-Milch, der Kaffee und der Muffin werden in wilder Umarmung den oberen Ausgang wählen. Wieso liegen im Testwagen eigentlich keine Sickbags?

Drei Runden hinter dem Pace-Car. Linientreue ohne Kompromisse. Die Dompteure der enormen Kräfte des BMW wurden mit Knöpfen versehen. Über das iDrive lassen sich verschiedene Niveaus einstellen. BMW ist charmant und gibt mit "Sport" und "Effizient" zwei Alternativen vor, die man auch "Formel-1" und "Fahrschule" nennen könnte. Wir wählen "Fahrschule", weil in uns kein Nick Heidfeld steckt. Der V8 arbeitet wie ein Uhrwerk, die sechs Gänge werden nahtlos eingelegt, die Schalthebel am Lenkrad lassen wir vorerst in Ruhe. Bei der ersten Fahrstunde sollte man die Sinne auf Sicherheit schalten.
Nun also ohne "Follow-Me-Wagen". Raus aus der Gasse, rein in die erste Grube. Zu schnell und zu hektisch. Der Fahrleher wäre hier schon auf die Pedale gesprungen. Die 2,4 Tonnen werden deutlich aber kontrolliert entschleunigt, die Fangleinen ausgeworfen und der Wagen wieder auf die rechte Bahn gebracht. Ohne DHC und Konsorten hätte das jetzt mal eben einige Euro gekostet. Durch die schmale Heckscheibe sehe ich den Kollegen. Er wird immer größer und dann vor mir immer kleiner. In der Mittagspause frage ich ihn nach dem Geheimrezept. "Keine Angst, keine Hektik und keine Scham vor der Langsamkeit. Du willst ja herausfinden, was der potenzielle Käufer dieses Autos erleben kann." Ich erlebe die zweite Tour ein wenig ruhiger und runder. Der X6 liegt satt und sicher auf der Strecke, Einlenken und Aus-der Kurve-Beschleunigen macht mächtig Freude. Die lange Gerade vor dem finalen Rechtsknick macht dem Wagen richtig Spass, doe Tachonadel rennt bis 220 km/h, dann werden die Sicherheitskräfte zum Einsatz gebeten. Das Gewicht schiebt und die Technik reguliert. Runde zwei überlebt und das Frühstück wandert in den Keller.
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Mittagessen aber davor mit dem Projektleiter über die anvisierte Kundschaft sprechen. Der M GmbH geht es gut. Im vergangenen Jahr wurden fast 25.000 Ms verkauft. Der M3 ist die Nummer Eins, die USA als Absatzmarkt ganz vorne. Der X6 M soll im sportlich ambitionierten Umfeld punkten. Mit Power auf Reisen, bequem und dynamisch. Exklusiv natürlich auch. Im Tausch gegen 108.500,00 Euro erhält man einen BMW mit vier Türen, fünf Sitze (hinten sitzt man bei einer Körperlänge von 1,80 m sehr bequem), 570 Liter Gepäckraum und unglaublich viel hochmoderne Technik. Der Verbrauch mag den Puristen nicht erfreuen, dafür die Leistungsdaten. ML 63 AMG und Cayenne Turbo werden noch öfter in den Rückspiegel schauen müssen. In der Beschleunigung lässt der Bayer beide hinter sich. Wird die 250-Sperre entfernt, dürfte auch der Porsche beim Highspeed das Nachsehen haben.
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Noch eine Runde zum Lunch-Schütteln und dann wieder auf die Landstraße. Der Beifahrer sortiert seine Eindrücke. Der BMW mag den US-Langstrecken-Walzer gerne. Ein paar Minitrucks wollen mitspielen, der Gasfuss hat Ruh.
Im Radio wird Michael zum x-ten Mal beerdigt und niemand spricht von Farrah Fawcett, dem Über-PinUp der 80er Jahre. Die Skyline von Atlanta taucht auf und die Lust auf den Rückflug ist kaum spürbar. Zur Gewöhnung wird die AC kurz auf volle Pulle gestellt.
Die technischen Daten (laut Hersteller):
Motor: V8 BiTurbo
Hubraum: 4.395 ccm
Leistung: 408 kW/555 PS
Drehmoment: 680 Nm
Highspeed: 250 km/h (abgeregelt)
0-100 km/h: 4,7 Sekunden
0-200 km/: 16,9 Sekunden
Leergewicht: 2.380 Kg
Zuladung: 600 Kg
Wendekreis: 12,8 m
Radstand: 2,933 m
Länge: 4,876 m
Breite: 1,983 m
Höhe: 1,684 m
Kofferraum: 570 - 1.450 Liter
Tank: 85 Liter
Verbrauch: 13,9 l/100 km (EU-Zyklus)
CO2: 325 g/km
Einstufung: EU 5
Text: Ralf Bernert
Fotos: Ralf Bernert/Max Kirchberger (für BMW AG)
Im Kontext: BMW X5 M und BMW X6 M



























