Paul Gerber
Der Rekordhalter: Paul Gerber
Sein Name steht sowohl für geniale Schlichtheit als auch für höchste Komplexität im Bereich der Uhrenkonstruktion. Er steht für schier grenzenlose Miniaturisierung und kompromisslose Kunstfertigkeit.
Hamburg im November 2005
Paul Gerber ist einer, der Unmögliches möglich macht. Seine ganze Leidenschaft gilt der Entwicklung, der Konstruktion und der anschließenden Anfertigung von neuen Meisterwerken, denn da kann er seine technische und handwerkliche Kreativität entfalten. Die Frage: "Gibt es für Sie nie ein 'Das geht nicht', Herr Gerber?" beantwortet das AHCI-Mitglied spontan wie folgt: "Wer glaubt, schon alles erfunden zu haben, darf nicht Uhrmacher werden."
![]() |
![]() |
![]() |
Eine technische Meisterleistung war Paul Gerbers Entwicklung der kleinsten Holzräder-Wanduhr der Welt, siehe Bild oben links. Die Kreation des Uhrmachermeisters, die sogenannte Kuhschwanz-Augenwender-Wanduhr im Schwarzwälder Stil, ist aus über 245 Einzelteilen vollständig aus Holz von Hand angefertigt. Sensationell ist ihre Werkhöhe von winzigen 22 mm. Sein Lohn: Erster Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde.
Das Bild oben Mitte zeigt die Automatikuhr Retro Twin:
Sie verfügt über ein Doppelschwingsystem mit kugelgelagerten Rotoren. Den neuartigen Aufzug mit zwei synchron laufenden Rotoren, eine Eigenentwicklung, ließ Paul Gerber patentieren. "Der Mechanismus ist so konzipiert, dass er auf ein rechteckiges Formwerk gebaut werden kann.", so der Uhrenkonstrukteur. Wie die "Retrograd mit Handaufzug" wurde auch die Retro Twin mit dem retrograden Sekundenzeiger ausgestattet, der nach 60 Sekunden an den Anfang zurückspringt und nicht wie üblich rundherum läuft. Auch hier war Gerber Vorreiter, denn bis zur Kreation seiner eigenen Uhrenkollektion "Retrograd" gab es keine retrograden Anzeigen im Sekundenbereich.
Die MIH-Uhr ist auf dem Bild oben rechts zu sehen:
Initiiert von Ludwig Oechslin, dem Konservator des MIH (Musée Internationale d'Horlogerie in La Chaux-de-Fonds, Schweiz), und finanziert vom Manager des Luzerner Uhrengeschäfts Embassy, Beat Weinmann, kreierte der Tüftler Gerber "eine schlichte, essenzielle Uhr mit einem Jahreskalender, den es in dieser Einfachheit noch nicht gibt", so der Anspruch Oechslins. Und weiter: Sie sollte eine mögliche Antithese zu Prestige-Uhren sein. Trotz aller Schlichtheit im Design, gestaltet vom Industriedesigner Christian Gafner, birgt die Uhr eine Besonderheit: Sie verfügt über einen Jahreskalender mit nur neun beweglichen Teilen - üblich ist das Dreifache. Die Innovation zeigt sich im Kalendermodul Gerbers dergestalt, dass die Anzeige von Wochentag, Datum und Monat auf einer Linie liegt.
![]() |
![]() |
Innovativ und einmalig ist das Modell 33, siehe Bild oben links. Es handelt sich um die einzige Armbanduhr, deren Mondphase auf beiden Seiten sichtbar ist. Abgelesen werden kann sie anhand einer links oben im Zifferblatt eingearbeiteten Kugel von 6 mm Durchmesser bestehend aus Lapislazuli und 54 Brillanten. Die 3-D-Mondanzeige arbeitet 128 Jahre lang mit einer Präzision von nur einem Tag Unterschied zur tatsächlichen Mondkonstellation.
Wegweisend ist auch die Integration einer exklusiven, zum Patent angemeldeten "Gerber-Hemmung". Diese berücksichtigt eine Arbeitsteilung von Antrieb und Stopp, wodurch stauchende Kräfte, also eingehende Reibungen vermieden werden und ausschließlich auseinander gleitende Kräfte wirken. Seinen Namen erhielt das weitgehend von Hand gefertigte Kunstwerk aufgrund des Genfer Streifenschliffs in einem Winkel von 33°. Gerber berechnete ihn so, dass jede Zahnradachse von einem Streifen in der Mitte geschnitten wird.
Die auf Bild oben rechts abgebildete kleine Tischuhr mit eigenem 6.5 cm Penduletwerk scheint auf den ersten Blick nicht sonderlich außergewöhnlich zu sein. Doch auch hier gelang es Paul Gerber ein Novum zu implementieren, nämlich ein großes fliegendes Minuten-Tourbillon.
![]() |
![]() |
Gänzlich unvorstellbar war die Konstruktion der heute komplizierstesten Armbanduhr der Welt, die Paul Gerber einen weiteren Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde eintrug. Mehr als aufregend ist die über 100-jährige Entstehungsgeschichte dieses Unikats:
Im Jahr 1892 hatte Louis Elysée Piguet eine sehr beachtliche Damenanhängeuhr konstruiert. Sie wurde mit einem Minutenrepetitionswerk mit Petite und Grande Sonnerie ausgerüstet. Insgesamt waren auf nur 6,4 cm² 491 handgefertigte Teile untergebracht. Lediglich drei solcher Uhren wurden in der Manufaktur angefertigt. Zwei der Uhren blieben verschwunden.
Die dritte mit der Nummer "0" gelangte 1989 auf einer Antiquorum Auktion in den Besitz des Uhrmachers Franck Muller. Sein Ehrgeiz galt der Fertigung der kompliziertesten Armbanduhr der Welt auf Basis des Ursprungswerkes. 1992 präsentierte Muller das nun aus 651 Teilen bestehende Kunstwerk der Welt auf der Baseler Uhren- und Schmuckmesse. Er hatte folgende Komplikationen hinzugefügt:
Ewiger Kalender mit retrograder Monats- und Equationsindikation, Wochentags-, Datums-, 24-Stunden- und Schaltjahreszyklusanzeige, Mondphase, Thermometer alles mitsamt Minutenrepetition, Grande und Petite Sonnerie eingekleidet in ein Armbanduhrgehäuse aus Platin. Breguet lieferte die Inspiration für das elegante Zifferblatt.
Der begeisterte Sponsor und damalige Eigentümer dieser Uhr, Lord Arran, wollte mehr, ja eigentlich das Unmögliche: Ein fliegendes Tourbillon sollte unter Berücksichtigung der Originalunruh in der Armbanduhr Platz finden. Die Dimensionen des Werkes bzw. des Gehäuses sollten ebenfalls beibehalten werden. In Paul Gerber fand er den enthusiastischen Uhren-Ingenieur, der sich dieser Herausforderung stellte. Drei Jahre später, 1995, hatte er der Uhr 121 weitere Teile zugefügt. Zudem hatte der Meister der Miniaturisierung nicht nur mit dem Werk der Superlative, bestehend aus nunmehr 772 Einzelteilen, einen Rekord aufgestellt, sondern gleichzeitig das kleinste fliegend gelagerte Minuten-Tourbillon der Welt geschaffen.
Lord Arran war auf den Geschmack gekommen. Und weil für Paul Gerber nichts Unmöglich ist, erhielt er den Auftrag, zusätzliche Komplikationen in das Einzelstück einzubauen: Zunächst sollte ein Rattrapante Chronograph mit Flyback-Schaltung und Minutenzähler implementiert werden. Außerdem sollten Gangreserveanzeigen sowohl für das Uhrwerk als auch für das Schlagwerk installiert werden. Der Durchmesser des Werkes sollte bei allen Modifikationen konstant bei 32 mm liegen. Die Platzierung der Anzeigen sollte zu Bestehendem, insbesondere dem klassischen Zifferblatt passen.
Diese Herausforderung beschäftigte den Uhrmachermeister Gerber weitere acht Jahre. Als besonders schwierig erwies sich die Tatsache, dass es keinerlei Konstruktionspläne als Anhaltspunkt gab. Ebenso wenig stand Platz zur Verfügung, um die geforderten Komplikationen unterzubringen. Und schließlich durfte sich Gerber nicht den kleinsten Fehler erlauben, da es sich um ein hundertjähriges Einzelstück handelte.
Das Ergebnis im Jahr 2004:
265 zusätzliche Werksteile, d.h. eine Armbanduhr aus 1116 Bestandteilen inklusive der
79 Teile für das Gehäuse (ein erhöhter Gehäuseboden musste wegen des Chronographenmechanismus angefertigt werden,
ein Meisterwerk, das nun über 5 zusätzliche Anzeigen und 3 zusätzliche Drücker verfügt,
Faszination des Betrachters allein beim Blick auf das arbeitende Miniaturwerk durch den rückseitigen Glasboden,
die Auszeichnung im Guinness-Buch der Rekorde: "Komplizierteste Armbanduhr der Welt ist die Piguet/Muller/Gerber Grand Complication watch."
Im Ring um den Glasboden sind die drei Uhrenkünstler übrigens durch Gravur verewigt. Und Paul Gerber wird spätestens seit jenem Zeitpunkt von der ganzen Uhrenwelt mit Spezialkonstruktionen betraut.
Text: Corinna Keller
Fotos: Paul Gerber









